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Neues aus Tarodunum.
Ausgrabungen in der mittel- und spätIatenezeitlichen Großsiedlung
von Kirchzarten-Zarten „Rotacker“, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald
Holger Wendling
aus: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2004, Seiten 107-110 - Theiss Verlag


Seit den späten 1980er Jahren konnte durch intensive Prospektionsmaßnahmen ca. 1,5 km westlich der spätlatenezeitlichen Befestigungsanlage „Heidengraben“ bei Kirchzarten die Existenz einer dieser wohl unmittelbar zeitlich vorausgehenden unbefestigten Siedlung im Gewann „Rotacker“ auf Zartener Gemarkung nachgewiesen werden (Abb.83). Die mittel- und spätlatenezeitliche Siedlung erstreckte sich auf einer ehemals wohl ca. 12 ha großen Fläche auf einer flachen, südwestlich der heutigen Teilgemeinde Zarten gelegenen eiszeitlichen Schotterterrasse südlich der Dreisam. Bislang wurden bei kleinräumigen Notgrabungen lediglich Bereiche in der Peripherie des Siedlungsareals untersucht, in denen sich jedoch bereits die guten Erhaltungsbedingungen für verschiedene Arten von Befunden offenbarten.
Im Sommer 2004 fanden vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Eberhard-Karls-Universität Tübingen unter Projektleitung von Professor M. K. H. Eggert durchgeführte archäologische Ausgrabungen erstmalig im Zentrum der Siedlungsfläche statt. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Maßnahme sollte Aufschluss über die dortige Befunderhaltung geben, vor allem jedoch Erkenntnisse über die wirtschaftliche Orientierung und infrastrukturelle Gliederung der unbefestigten Großsiedlung liefern. Im Bereich der ca. 420 m3 großen Grabungsfläche wurde eine einheitlich aufgebaute Stratifizierung angetroffen:


Abb. 83 Kirchzarten-Zarten, Tarodunum. Plan der Befestigung „Heidengraben” und der westlich davon gelegenen älteren unbefestigten Großsiedlung. Die Lage der Grabungsfläche ist rot markiert.


Unterhalb des nur ca. 20 cm mächtigen Pflughorizontes folgt ein stark kiesdurchsetzter brauner Lehmhorizont gleicher Mächtigkeit, unter dem bereits in geringer Tiefe ein rötlich-brauner, lehmiger Verwitterungshorizont erscheint. Dieser liegt den anstehenden glazialen Schottern auf.



Abb. 84 Kirchzarten-Zarten, Tarodunum. Rest des geschotterten Laufhorizontes im Zentrum der Siedlung. Abb.85 Kirchzarten-Zarten, Tarodunum. Rund-‚ Henkel- und Schulterfragmente von italischen Weinamphoren des Typs Dressel 1A und Henkelfragment eines römischen Kruges (rechts oben) aus dem Niveau des geschotterten Laufhorizontes.

Schotterung eines zentralen Platzes.
Direkt unterhalb des Pflughorizontes konnte auf einem Großteil der Grabungsfläche eine dichte Konzentration faust- bis kopfgroßer Kiesel nachgewiesen werden, die sich in den zahlreichen angelegten Profilen als ca. 10 bis 15 cm mächtiges horizontales Steinband abzeichnete und aufgrund verschiedener Indizien als anthropogene Erscheinung interpretiert werden muss (Abb. 84). So fand sich die Mehrzahl der geborgenen Funde im Bereich dieser Steinanhäufung, der darunter liegende Boden war dagegen archäologisch weitgehend steril und in weitaus geringerem Ausmaß mit Kieseln durchsetzt. Stellenweise erschienen die Kiesel regelrecht in Form einer Pflasterung „gesetzt“ worden zu sein. Großformatige Funde, wie Schlackereste oder Amphorenfragmente, die oftmals in den Kieshorizont eingelagert waren, befanden sich häufig verkeilt zwischen Steinen; eine spätere natürliche Anschwemmung sowohl der Steine als auch der Funde erscheint unwahrscheinlich. Zudem zieht sich das Kiesband horizontal über ehemalige Eintiefungen der Bodenhorizonte und kappt verschiedentlich den bis auf seine Höhe anziehenden glazialen Schotterhorizont. Es liegt mithin nahe, den angetroffenen Befund als Rest einer bewusst auf den erdigen Grund aufgebrachten Steinschotterung zu deuten, der die Gangbarkeit des Terrains für Mensch, Tier und Wagen gewährleisten sollte. Bereits in einer Grabung des Jahres 1997 konnte eine ähnliche, ebenfalls mit zahlreichen Amphorenscherben durchsetzte Kieskonzentration am östlichen Rand der Siedlung freigelegt werden, die dort an den Rand einer Grube anschloss und als Rollierung für eine eventuelle hölzerne Architektur interpretiert wurde. Die flächige Ausdehnung der aufgedeckten Schotterung macht jedoch eher eine Interpretation als Kreuzung zweier Wegetrassen wahrscheinlich; aufgrund ihrer zentralen Lage könnte gar die Existenz eines offenen Siedlungsmittelpunktes nachgewiesen sein, der der protourbanen Gemeinschaft und ihrem agrarischen Umland als Versammlungs- und Marktplatz gedient haben könnte. Hierfür spricht auch das weiträumige Fehlen eingetiefter Gruben oder anderer Architekturelemente, die die Bewegungsfreiheit auf einem zentralen Platz eingeschränkt hätten. Weiter gehende Aussagen zur inneren Struktur der Siedlung und vor allem zur Lokalisation von Handwerksbetrieben und Werkplätzen müssen zukünftige Grabungen erbringen. Befunde, die nach Ausweis der stellenweisen Existenz eines Laufhorizontes noch gut erhalten sein müssten, wurden bereits durch geomagnetische Prospektionen und gezielte Probebohrungen identifiziert.

Münzen, Glas, Amphoren
Ein Großteil der im Bereich der Schotterung ausgegrabenen Funde besteht aus Fragmenten einheimischer Keramik, unter der sehr qualitätvolle Stücke geglätteter Feinkeramik auffallen. Neben dieser sehr dünnwandigen und teilweise mit Einglättmustern verzierten Ware erscheint grobkeramisches Gebrauchgeschirr in Form von Näpfen oder Kochtöpfen‚ die oft mit Schultergürteln in Grübchenzier oder mit vertikalem Kammstrich versehen sind.
Der einheimischen Keramik steht ein großes Kontingent an Scherben italischer Weinamphoren gegenüber (Abb. 85]. Die zahlreichen Wand-‚ Rand- und Henkelbruchstücke waren zwischen die Steine der Schotterung eingetreten oder, wie oben angedeutet, möglicherweise bewusst als Teil derselben aufgebracht worden. Die Randfragmente erlauben eine Identifizierung der Form Dressel 1A, die in Fragmenten bereits zahlreich durch Oberflächenfunde aus den langjährigen Begehungen vorliegt.
Als Besonderheit konnte ebenfalls aus der spätlatenezeitlichen Schotterfläche ein kleines Fragment eines dreistabigen römischen Krughenkels geborgen werden (Abb. 85]. Zwar wurden bereits einige kaiserzeitliche Lesefunde im Gebiet der Großsiedlung Tarodunum gemacht, die stratigrafische Position des Henkels legt jedoch eine spätrepublikanische Zeitstellung und damit einen der eher seltenen derartigen spätlatenezeitlichen Importe in Siedlungskontext nahe.
Die wirtschaftliche Ausrichtung der Zartener Siedlung beleuchten eine große Menge von Eisenschlacken, die teilweise wohl ebenfalls als gezielt aufgebrachter Teil der Schotterung anzusehen sind. Neben reinen Schmiedeschlacken aus dem Verarbeitungsprozess zeugt ein Fragment einer zweilagigen Essen- oder Herdauskleidung von baulichen Formen der Eisenverarbeitung. Ebenfalls in den Metall verarbeitenden Sektor weist der Fund einer Werkzeugkombination aus Hammerkopf und Zange (Abb. 86). Aufgrund ihrer Größe und technischer Eigenschaften - die Zange stellt wohl eher eine Art „Blechschere“ dar - sind sie möglicherweise der Buntmetallverarbeitung, eventuell der Toreutik zuzuordnen.
Den akribischen Suchmethoden ist es zu verdanken, dass eine Anzahl von Kleinfunden geborgen werden konnte, unter denen sich je ein kobaltblaues Fragment einer gläsernen Ringperle und eines Glasarmreifs befinden. Eine Sequanerpotinmünze des Typs 1.B nach A. Burkhardt, die - womöglich im Treiben eines Marktes? - verloren und in die Schotterung des Platzes eingetreten wurde, datiert in die Stufe Lt D1. Ebenfalls händlerischen Aktivitäten zuzuordnen ist eine Silbermünze aus dem gleichen Befundkontext, die nach Maß und Gewicht einem Obol entspricht (Abb.87]. Das Motiv der Münze, ein nach rechts blickender Kopf im Perlkreis auf der Vorderseite und ein nach rechts eilendes Vogelmännchen auf der Rückseite, erinnert an den Typ Forrer 352, stellt ikonographisch jedoch ein bislang unbekanntes Unikat dar. Ob Münzen dieses Typs gar in der lokalen, erst kürzlich durch naturwissenschaftliche Analysen identifizierten Zartener Münzstätte geschlagen worden sein könnten, muss momentan noch offen bleiben.


Abb. 86 Kirchzarten-Zarten, Tarodunum. Eiserner Hammerkopf und Zange. Abb. 87 Kirchzarten-Zarten, Tarodunum. Keltische Silbermünze ‘Obol’: eines bislang unbekannten Typs.

Unser Dank gilt zunächst dem Pächter der Grundstücke, Herrn W. Andris für sein Verständnis sowie für die Unterstützung und das rege Interesse am Fortgang der Arbeiten. Der Gemeinde Kirchzarten, insbesondere Herrn Bürgermeister G.-W. von Oppen und dem Ortsbaumeister, Herrn M. Länglin sei ebenfalls für ihre Unterstützung gedankt. Eine erste makroskopische Analyse der Schlacken nahm G. Gassmann, eine Ansicht des Obols A. Burkhardt und R.Dehn vor - auch ihnen ein herzliches Dankeschön.
Holger Wendling

Literaturhinweise
A. Burkhardt et al.. Keltische Münzen aus latenezeitlichen Siedlungen des Breisgaus. Numismatische. geochemische und archäometallurgische Untersuchungen, Fundber. Baden Württemberg 27. 2003, 281-439; R. Dehn, Arch. Ausgr. BadenWürrtemberg 1998. 113-115; H.Wagner. Die latenezeitliche Siedlung von Zarten (Tarodunum) und die Besiedlung des Zartener Beckens. Germania 79/1, 2001. 1-20.