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Sagen aus dem Dreisamtal


Die Wißneck
Bei Kirchzarten, einem der ältesten Orte des Schwarzwaldes, liegen auf einem Vorsprung links der Landstraße ins Höllental die Trümmer des einst berüchtigten Raubnestes‚ der Wißneck. Der letzte Wißnecker sah einst den Markenbauern unweit des Schlosses mit einem prächtigen Gespann sein Feld pflügen, und gleich war die Habgier des Ritters geweckt. Er befahl dem Bauern, seine Pferde auszuspannen. Demütig bat ihn dieser, er möge ihn nur noch bis zum Ende des Ackers fahren lassen. Die Bitte wurde ihm arglos gewährt, und der Ritter begleitete das Gespann bis zur bezeichneten Stelle. Dort ergriff der Markenbauer seinen Karst und erschlug den Wißnecker. So soll das Raubnest herrenlos und dann von den Bauern zerstört worden sein (tatsächlich ist die Wißneck am 14. Mai 1525 von den Bauern unter Hans Müller von Bulgenbach verbrannt worden). Heute noch sucht man nach den verborgenen Waffen und Schätzen.
Aus: Alemannische Sagen - Herausgegeben von Ulf Diederichs und Christa Hinze - Bechtermünz Verlag

St. Martin bei Oberried 
In dem Goldberg bei Oberried war vor Zeiten eine reiche Goldgrube, Sankt Martin genannt. Darin lag, hinter einer silbernen Tür, ein Standbild dieses Heiligen verborgen, welches von lauterem Gold und dreihundert Mark schwer war. Noch im Jahr 1521 wurde der Bau betrieben, aber bald danach wegen des hereinbrechenden Krieges eingestellt. Die Bergleute schlossen jedoch die Grube mit einer eisenbeschlagenen Tür und schütteten diese mit Erde und Steinen zu. Hierdurch gelang es ihnen, das Bergwerk den Augen der Feinde zu entziehen, die sich mit der Plünderung und Verbrennung der Poch- und Schmelzgebäude begnügen mußten. Kaum war es wieder ruhiger geworden, kam die Pest und raffte die Bergleute weg oder scheuchte sie in entfernte Gegenden. Infolgedessen blieb die Grube uneröffnet, und mit der Zeit ist sie immer mehr in Vergessenheit geraten.
Aus: Alemannische Sagen - Herausgegeben von Ulf Diederichs und Christa Hinze - Bechtermünz Verlag

WILDE SCHNEEBURG
Die sagenumwobene Schneeburg gab es wirklich
Eine Sage aus dem Schwarzwald — Wo lag die Wilde Schneeburg?

Die in der Sage vom wilden Jäger erwähnte Burg kann nur die Wilde Schneeburg gewesen sein. Sie lag auf dem hinteren Schneeberg, einem Ausläufer des Hochfahrn, auf einem
nahezu unzugänglichen Felsgrat, nur wenige Meter unter der 1000-Meter-Marke. Heute zeigt nur noch der einstige Halsgraben, der die Burg vom Bergrücken trennte, ihren ehemaligen Lageplatz. Eine Einebnung und einige behauene Werksteine sind weitere Indizien für ihre einstige Lage. Die Herren der Burg waren Angehörige des weitverzweigten Geschlechtes der Snewelins, die im Breisgau reich begütert waren und mehrere Burgen ihr eigen nannten. Jagd und Fischenz standen im Mittelalter nur dem Adel zu. Wilddieberei wurde unnachsichtig bestraft, doch die in der Sage beschriebene Strafe dürfte wohl auf einer freien Erfindung beruhen. Umgängliche Herren scheinen die Schneeburger indes nicht gewesen zu sein. Wie vermeldet, lagen sie dauernd im Streit mit den Mönchen, die ihr kleines Klösterlein im nahen Wilhelmertal hatten.
Hören wir, was die Sage zu berichten weiß:
Dort, wo der Schwarzwald noch unwegsam und kaum begehbar ist, liegen in einem einsamen Seitental, hoch oben auf einem Felsschroffen, die Reste einer alten Burg. Die einstmals starken Mauern sind eingestürzt, über den moosigen Trümmern wächst Dornengestrüpp, nur Holzfäller und Jäger kennen diesen Platz, aber auch sie vermeiden es, sich dort aufzuhalten. Mit der verfallenen Burg ist auch ihr Name abgegangen, und nur diese Sage erinnert noch an sie und ihre einstigen Bewohner.
Auf der äußersten Spitze eines schroffen Felsgrates lag die Wilde Schneeburg. Nach den Beschreibungen bestand sie in der Hauptsache aus einem festen Wohnturm. Heute ist die Stelle der ehemaligen Burg kaum noch zu finden. Das Wappenbild unserer Zeichnung gehörte dem Ritter Kolman von Snewelin.
Der Burgherr war ein gar strenger Mann, der dort oben mit einigen wenigen Gesellen hauste, die, wie er, nur eines kannten: die Jagd. Den Bauern im Tal war er ein unbarmherziger Zwingherr‚ und es war ihnen bei Todesstrafe verboten, den Hirschen oder Sauen zu wehren, die ihre kümmerlichen Äcker und Felder immer wieder verwüsteten, so daß sie und ihre Kinder im Winter oft bitter Hunger leiden mußten.
Nebelschwaden zogen über die Waldwiese. undeutlich hoben sich dunkle Gestalten gegen den düsteren Himmel ab...da stürzte ein Mann aus dem Tannendunkel auf die Lichtung. verfolgt von Totengerippen. die auf riesigen Sechzehnendern saßen.
An einem stürmischen Herbstabend gingen der Graf und seine Spießgesellen wieder mal, wie so oft, ihrem Waidwerk nach. Einem angeschossenen Hirschen durch Dickicht und Dornen folgend, verlor der Graf in der hereinbrechenden Dunkelheit die Spur. Auf einer kleinen Lichtung machte er Rast; vergeblich sah er sich nach seinen Jagdgenossen um. Müde von der Verfolgung setzte er sich hin und schlief ein. Als er aufwachte, war es Mitternacht. Groß stand der bleiche Mond am Himmel. Nebelschwaden zogen über die Lichtung und verbreiteten ein geisterhaftes Licht. Da hörte er das Brechen dürrer Äste, ein Stampfen und Röhren, so daß es ihm — so beherzt er auch sonst war — ganz unheimlich wurde. Selbst sein Hund verkroch sich winselnd hinter ihm. Undeutlich hoben sich dunkle Gestalten gegen die mondhellen Nebelschwaden ab. Er faßte seinen Jagdspieß fester. . ., da kam eine Gestalt auch schon heran. Ein kräftiger Mann in altertümlicher Jagdkleidung stürzte aus dem Tannendunkel auf die Lichtung. Ihm nach hetzten bleiche Totengerippe‚ auf riesigen Sechzehnendern sitzend, über die Waldwiese. Nur das Klappern und Rasseln der knöchernen Reiter und das Stampfen der Hirsche unterbrachen die unheimliche Stille. Immer näher kam die wilde Jagd, so daß der Graf in seiner Angst den Namen Gottes ausrief. Da, wie durch Zauberhand gebannt, hielt der Geisterspuk an und verschwand in dem immer stärker werdenden Nebel. Im fahlen Mondlicht trat der Mann, den sie so grausam gejagt hatten, zu dem Grafen und sprach mit hohler Stimme:
"Ich bin der Geist deines Urgroßvaters und habe wie du immer nur für die Jagd gelebt. Mein Leben lang habe ich meine Bauern geschunden und unterdrückt. Wilderer, die in meinen Wäldern jagten, oder Bauern, die Tiere, die in ihre Äcker eingebrochen waren, zu Tode schlugen, ließ ich lebendig auf Hirsche binden und diese dann durch meine Hunde in das Dickicht hetzen, so daß die Unglücklichen, die darauf saßen, von spitzen Ästen zerrissen wurden oder langsam unter den zu Tode gestürzten Hirschen elendig umkamen. Zur Strafe muß ich nun um Mitternacht bergauf bergab in diesen Wäldern umherirren und werde von den einst so unmenschlich von mir Bestraften selbst gehetzt. So büße ich jetzt tausendfältig mein begangenes Unrecht. Laß dich warnen. . . noch kannst du deinem Leben einen neuen Sinn geben, kehre um und wandle deine Hartherzigkeit!“
Mit diesen Worten verschwand der Geist. Der Graf stand wie unter einem geheimen Zwang, nur langsam gewann er wieder die Herrschaft über sich selbst. Erst am frühen Morgen wurde er von seinen Jagdkumpanen gefunden. Doch er war bleich und verstört und kaum fähig zu sprechen. Nicht lange darauf ließ er an der Stelle, an der er dieses unheimliche Erlebnis hatte, eine Klause bauen, in der er nun seine Jahre verbrachte. Güter und Felder vermachte er seinen einst so hart unterdrückten Bauern. Seine Burg indes, nun unbewohnt und verlassen, zerfiel im Laufe der Zeit, und mit der Burg versank auch der Name des Burgherm und seines Geschlechtes in der Vergangenheit.
aus: Arthur Hauptmann
"Burgen einst und jetzt - Burgen und Burgruinen in Südbaden und angrenzenden Gebieten" Im Verlag des SÜDKURIER Konstanz, 1984/87


Die Ritter von Falkenstein
Zur Zeit, da Kaiser Rothbart sein frommes Heer nach dem heiligen Lande führte, lebte auf Falkenstein ein Ritter, der erst seit wenig Monden mit einer lieblichen jungen Frau vermählt war. Aber des Kaisers Ruf galt dem Ritter mehr als das süße Mahnen der Liebe und er folgte, das weinende Weib zurücklassend, den Fahnen des Kreuzheeres. Kaum im heiligen Lande angekommen, ward er in einer wilden Schlacht von Saracenen umringt und gefangen. Er ward in harte Sklaverei geführt und gedachte bei schwerer Arbeit, Noth und Entbehrung mannigfaltiger Art, öfters zurück an die liebliche Heimath und sein junges, verlassenes Weib. Ganze Nächte brachte er schlaflos zu und fast brach ihm das Herz vor banger, banger Sehnsucht.
Einst nach einem Tage voll harter Arbeit lag er auch wieder wachend auf dem halbfaulen Stroh in seinem finstern Kerker, als er plötzlich einen häßlichen Mann vor sich stehen sah.
,,Ritter von Falkenstein,« sagte der Fremde, „Du sehnst Dich heim nach Deinem jungen Weibe und den Wildthälern des Schwarzwalds. Wohlan vertraue mir und ich schaffe Rath“
,,Was soll ich thun?« fragte der Ritter.
,,In dieser Nacht noch bringe ich Dich wohlbehalten nach Falkenstein. Aber, wenn Du auf der Reise einschläfst, so ist Deine Seele mein auf ewig, wonicht, so sind wir quitt und ledig«
Jetzt erkannte der Ritter seinen Befreier und schon wollte er dem Versucher mit den Worten des Herrn antworten: ,,Weiche von mir Satan!“ aber des Herzens Heimweh überwog alle andern Gründe, und erschlug ein. Ein geflügelter Löwe war des Falkensteiners Reitpferd und in raschem Fluge giengs über Länder und Meere die kühle stille Nacht hindurch. Aber den Reiter überkam plötzlich ein mächtiger Schlaf so daß er kaum noch im Stand war die Augen offen zu halten. Langsam senkte es sich ihm wie schweres Blei in seine Glieder, langsam ließ er das Haupt auf des Löwen Kopf niedersinken. Da schoß plötzlich aus hoher Luft herab ein schneeweißer Falke, der den Schlaftrunkenen mit heftigem Flügelschlag aufschreckte; leise tönte es an sein Ohr:
"Ich bin der Falke von Falkenstein,
Ich will Dein Beschützer und Retter sein;
Halt’ die Augen auf recht weit, recht weit,
Es gilt ja die ewige Seligkeit. –"
Also flatterte der getraue Falke ständig um des Ritters Haupt herum, so daß dieser nicht schlafen konnte, wie sehr es ihn auch zog. Als sie um die frühe Morgenstunde auf der heimathlichen Burg ankamen, verschwand der Löwe plötzlich mit einem zornigen Gebrüll, der Falke aber hob sich langsam und majestätisch in die blaue Morgenluft hinauf.
Schwarzwaldsagen und Geschichten
von: Alexander Würtenberger (Verfasser von "Alten Geschichten vom Oberrhein“ Baden-Baden Verlag von C.Wild  Seite 43-45

Falkenstein
Dort, wo man aus dem lieblichen Himmelreich ins wilde Höllenthal hinaufkommt, liegt hoch auf steilem Felsen über der wildbrausenden Rotta die Burgruine Alt-Falkenstein. Wer das unbezwingliche Felsennest hier oben im grauen Alterthum erbaut hat, weiß man nicht. Die Geschichte schweigt darüber und auch die Sage weiß nichts davon. Aber, ein altes, mächtiges Geschlecht saßen die Falkensteine seit undenklichen Zeiten dort, wie ehemals die heidnische Stadt Tarodunum, den Weg aus dem Breisgau in den Wald und nach Schwaben bewachend.
- Aber in der Zeiten Wandlung verarmten sie, wie gar manches streitbare Geschlecht jener Tage und griffen zum schmählichen Stegreif. Darum auch heute noch die Ruine Falkenstein von den Leuten gemeinhin nur das Räuberschloß genannt wird. Am buntesten und unverschämtesten trieben die Herren ihr sauberes Geschäft zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da zahlreiche entartete Sprößlinge des einst edlen Geschlechtes der Falkensteine auf der Burg saßen. Mord, Brand und Raub war der tollen Verbrecherbande ihre fast tägliche Uebung. Nicht schreckte sie die Nähe der festen wehrhaften Stadt Freiburg. Und doch hat diese Stadt den Dienst der rächenden Nemesis übernommen und das Räubernest gründlich zerstört, nachdem die von Falkenstein einen armen Mann von Freiburg auf gräßliche Weise gemordet.
Die Sache hat sich so zugetragen: Hans Schneider aus der Stadt hatte gegen den Willen ihres Vaters ein Mädchen aus dem Zartener Thal zum Weibe genommen. Darüber ergrimmte der Alte und die Geschwister des Weibes über alle Maßen und schworen dem gehaßten Eidam und Schwager Rache bis in den Tod. Zu Falkenstein aber saß damals mit noch etlichen sechs Brüdern und Vettern der Herr des rachsüchtigen Vaters, Ritter Dietrich von Falkenstein, der offen das schändlichste Räubergewerbe trieb. Zu diesem verruchten Menschen gieng jetzt Künin Henseler und verklagte seinen Eidam. - ,,Besser ist, Du verderbest ihn, als daß er Dich verderbe ! Zieh aus, fang’ ihn und führe ihn hierher auf Alt-Falkenstein, ich will dem Städtlerschuft eine Strafe geben, dergleichen bis jetzt kaum erhört wurde“ - Also lauerte Hänseler seinem Eidam auf und fieng ihn nebst seiner Frau, als er harmlos seines Weges zog. Er wurde nach der Räuberhöhle geführt und nach wenigen Tagen vom höchsten Thurm hinunter in den felsigen Abgrund geworfen. Dort fand nach einiger Zeit die unglückliche Frau den verstümmelten Leichnam ihres Mannes. Und ihr Wehgeschrei erscholl durch den ganzen Gau, so daß sich darauf viele Herren mit der Stadt Freiburg verbündeten, viel Kriegsvolk zusammen brachten, das Räubernest eroberten und fast dem Erdboden gleich machten. - So fiel Alt-Falkenstein im Höllenthal
 Schwarzwaldsagen und Geschichten
von: Alexander Würtenberger (Verfasser von "Alten Geschichten vom Oberrhein“ Baden-Baden Verlag von C.Wild  Seite 45-46

Der Adelhauser Geist.
Auf dem Baldenweger Hof bei Wittental geht zu manchen Zeiten der Geist eines früheren Besitzers aus der „Sickingschen“ Zeit um. Als die Großmutter des jetzigen Besitzers, Herrn Stößer, eines Tages allein im Zimmer in ihrem Lehnstuhl saß, kam plötzlich ein Herr im schwarzen Anzug, mit Handschuhen und Zylinderhut ins Zimmer herein und blieb nach einer höflichen Verbeugung vor ihr stehen. Sie fragte ihn: “Mein Herr, was wünschen Sie?“ Es folgte keine Antwort. Sie fragte zum zweitenmal: : “Mein Herr, was wünschen Sie?“ Wieder keine Antwort. Ganz bestürzt rief sie zum drittenmal: „Um Gottes Willen, was wünschen Sie, mein Herr?“ Darauf antwortete er mit hohler Stimme: “Ich wollte nachsehen, wie es in diesem Hause geht; ich bin der Graf von Sickingen; früher war ich euer Herr.“ Die Frau fragte, ob sie mit ihm gehen solle. Der Mann aber drehte sich um und sagte: “Nein, jetzt nicht; erst wenn ich wiederkomme“ – und verschwand vor ihren Augen. Die Frau zog daraufhin vom Hof weg.
Der Geist zeigt sich übrigens nicht nur im Hause, sondern auf dem ganzen Gute, z.B. auch auf dem ehemals Sickingenschen Schloß Ebnet, ferner auf allen zum Gute gehörigen Äckern. Der Flurname dieser Felder ist „im Adelhauser“ wonach der Geist benannt ist. Er erscheint in den verschiedensten gestalten: als totes Pferd, das quer über den Weg liegt und plötzlich verschwindet; als großer Hund, welcher die Leute drohend umspringt; als Mann ohne Kopf, als Fackellicht, als feurige Reiswelle, die durch die Luft schießt, und als älterer Herr.
Aus: "Badische Sagen“. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Johannes Künzig, 1925

Das Irrgespenst.
Zwischen Kirchzarten, Zarten und Wittental geht besonders in der Weihnachtszeit ein Geist, das sogenannte Irrgespenst, das verspätete Wirtshaussitzer in die Irre führt und erst seine Gewalt verliert, wenn in Kirchzarten die Betglocken läuten.
Aus: "Badische Sagen“. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Johannes Künzig, 1925

Der Schlangenkönig mit goldenem Ring.
In Wittental glauben manche Leute, daß die Schlangen den Kühen die Milch aussaugen. Der Schlangenkönig habe einen kostbaren goldenen Ring, den er vorher auf die Seite lege. Könne ihn ein Mensch nehmen, ohne daß es die Schlange merke, so gehöre er ihm. Bemerke es aber die Schlange, so müsse der betreffende Mensch sterben.
Aus: "Badische Sagen“. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Johannes Künzig, 1925

Das Uebelthal
In dem dritthalbstündigen Thale, welches von Burg hinauf gegen St.Märgen zieht, war vor Zeiten keine Kirche. Da hieraus für die Bewohner viel Beschwerden entstanden, so beschlossen sie, sich eine Kirche zu bauen; allein sie konnten über deren Platz nicht einig werden. Die Leute des obern Thales wollten sie dort, die des untern sie bei sich haben, und jeder Theil fällte schon Bauholz und führte es an die von ihm gewünschte Stelle. Bei einer gemeinschaftlichen Berathung schlugen einige vor, in die Mitte des Thals zu bauen, aber sie wurden von den Reichen, welche meistens an dessen Enden wohnten, überstimmt und die Versammlung trennte sich spät in der Nacht mit dem Entschlusse gar keine Kirche auszuführen. Am nächsten Morgen lag das Bauholz nicht mehr an seinen Stellen, sondern beisammen auf einem hohen Berge in der Mitte des Thales. Jeder streitende Theil hielt dies für einen Streich des andern, ohne zu bedenken, daß dieser unmöglich in einer halben Nacht das Holz hinaufschaffen konnte, zu dessen Herabbringen beide Theile zusammen einige Tage bedurften. Als sie hiermit fertig waren, kam in der folgenden Nacht all das Holz wieder auf den nämlichen Berg. Nach dem Rathe der Klostergeistlichen von St.Peter, bei denen man die Sache angezeigt, wurde nochmals das Holz ins Thal geschafft, und dabei ein Zimmergesell als Nachtwache aufgestellt. Um ja nicht einzuschlafen, fing derselbe an zu rauchen, aber trotz dessen fielen ihm die Augen zu, und als er sie wieder aufschlug, lag er, die brennende Pfeife im Munde, mit allem Bauholz auf dem Berge. Da überdies auf dem Platze ein großer Lindenbaum stand, der Tags zuvor noch nicht dagewesen, erkannte man endlich den Willen Gottes und baute dort die Kirche Maria-Linden, jedoch ohne dabei einen Geistlichen anzustellen. Wegen dieses Mangels mußte der Gottesdienst von St.Peter aus versehen werden, was so manche Unbequemlichkeit hatte, daß die Kirche nach einigen Jahren fast gar nicht mehr besucht wurde. Zur Strafe hierfür brachen drei Jahre nacheinander in dem Thale Seuchen aus, die zuerst alles Hornvieh, dann die Pferde und zuletzt die Schweine und Schafe wegrafften. Größer noch wurden die Drangsale, als man die Kirche abgebrochen und deren Geräth mit dem Gnadenbild der Muttergottes verkauft hatte. Verheerende Brände nahmen überhand, eine Menge taubstummer und krüppelhafter Kinder kam zur Welt, und ansteckende Krankheiten wütheten so heftig, daß viele Häuser gänzlich ausstarben. Wegen dieser Trübsale bekam die Gegend den Namen Uebelthal, und die meisten Bewohner zogen von da weg nach dem Dorfe Espach. Weil dieses das Gnadenbild und das Geräth von Maria-Linden für seine neue Kirche gekauft hatte, ward es auch mit Strafen heimgesucht Sieben taubstumme Kinder wurden dort in einem Jahre geboren, und viel solche Geburten kamen so lange vor, bis die Espacher, auf den Rath ihres Geistlichen, Maria-Linden wieder aufbauten und alles, was .sie daraus gekauft, dahin zurückgaben. Da hörten die Leiden Espachs und des Uebelthals mit einem Male auf, und der Name des letztern wurde nachher in ,,Ibenthal« umgeändert
Aus: "Schwarzwald Sagen“ Gesammelt und herausgegeben von Dr. Johannes Künzig, 1930

Spuk und Schatz beim Bankenbrunnen
Ein armes Mädchen ans Wittenthal, welches in der Umgegend Brod zusammengebettelt hatte, ging damit nachts seiner Heimath zu. Bei dem Bankenbrunnem der unweit des Dorfes auf dem Felde hervorquillt, sah es ein Männlein mit einem Halbmaltersack zwischen den beiden Stämmen eines Zwieselbaums stehen. Dasselbe winkte ihr mehrmals, hinzukommen, indem es den Sack aufhob; allein sie hatte dazu nicht den Muth und lief zuletzt vor Angst davon. Da fuhr das Männlein, ganz feurig, am Bann: hinauf, und der Sack, der voll Geld war, versank klingend in den Boden.
Mehrere Leute aus Steurenthal sahen, spät in der Nacht, bei dem Brunnen eine unzählbare Menge Lichter. »Was ist denn das?« rief einer der Männer, der betrunken war, und im Augenblick fuhren die Lichter alle zusammen und bildeten eine riesenhafte Flamme. Zugleich entstand ein Gebrause, und es klang wie versinkendes Geld, worüber die Leute erschrocken davoneilten.
In der Nähe des Brunnens ist ein Grasplatz, um den vier uralte Eichen stehen. Daselbst scharrte eines Tags ein Schaf von der Heerde des Bankenhofs etwas Blinkendes aus der Erde. Einer der Hirtenbuben ging hin und sah, daß es mehrere alte Silbermünzen, so groß wie Kronenthaler, waren. Sogleich rief er seinem Genossen, welcher eben die Heerde zusammentrieb, zu dem Funde herzukommen; aber derselbe hielt es für Scherz und kam nicht, worauf der Bube allein im Boden suchte und so viel solche Münzen fand, daß er seinen ganzen Hut damit füllte. Voll Freude lief er zu den Leuten, die auf dem Felde des Bankenhofs arbeiteten, und zeigte ihnen das Geld, wovon jedes sich etwas zueignete. Als er dann wieder auf den Grasplatz eilte und weiter suchte, fand er nur noch einige kleine Münzen, welche voll Grünspan waren. Um denselben wegzuschaffen, ging er zum Brunnen und fing an, die Münzen zu waschen; da sah er auf einmal einen langen Mann neben sich stehen, der wie ein Jäger gekleidet war, Schuhe mit Schnallen und, auf der Brust, ein glänzendes Schild von Kupfer trug. Derselbe sagte zu ihm mit drohender Geberde: »Hättest du dich heute Morgen nicht gesegnet, so solltest du jetzt sehen, was ich mit dir anfinge!«
Hierdurch heftig erschreckt, rannte der Junge davon, und als er wieder zu den Arbeitern kam, erzählte er ihnen das Geschehene. Seine Schwester ging nun so weit mit ihm zurück, daß sie den Brunnen sehen konnten; allein sie gewahrte den Jäger nicht, welchen ihr Bruder noch dort stehen sah. Kurz darauf fiel dieser in eine mehrwochige Krankheit, worin er häufig jammerte, daß der Jäger bei ihm stehe. Nachdem er wieder genesen, mußten die Leute, auf Befehl des Pfarrers, ihm alles zurückgeben, was sie ihm von seinem Fund genommen hatten. Hierdurch erhielt er so viel Vermögen, daß er seinen Dienst aufgeben konnte. Auf dem Grasplatz ist seitdem öfters nach Geld gegraben, aber stets nur wetthloser Erzstaub gefunden worden.
Aus: "Schwarzwald Sagen“ Gesammelt und herausgegeben von Dr. Johannes Künzig, 1930

Trudpert von Zurduna und seine Schenkung an St.Gallen
Eine Erzählung um Leben und Tod des heiligen Otmar, dem ersten Abt von Sankt Gallen aus der Gründungszeit von Kirchzarten. Von Erika Ganter-Ebert

Es war im Jahr des Herrn 759. Der Wintersturm brauste über Zarduna, der einst befestigten Fliehburg, die den Kelten und Römern schon diente, und welche jetzt der tapfere Stamm der Alemannen erobert und sich angeeignet hatte; er rüttelte an Tor und Fensterläden des Hofgutes Trudperts des Jüngeren, das wie ein verankertes Schiff an der Außenwand einer der geborstenen römischen Wallmauern lag.
Waldcozus, der Verwalter des Gutes, der schon in früher Jugend unter dem alten Herrn diente, schlug vor Dunkelwerden die Bolzen fester in ihre Verschlüsse, damit Tor und Läden dem Sturm standhielten, dann schürte er die Glut der Feuerstelle des großen Wohnraumes. Er murmelte einige Verse dabei, denn es war um die „Heiligen Zwölfe”, und man konnte nicht wissen, was in den Nächten von „den Alten” noch alles sich herumtriebe und Unheil wirke. Seine Mutter, welche sonst während der langen, dunklen Winterabende emsig am Spinnrocken saß, hatte sich frühzeitig zur Ruhe begeben. Auch als getaufte Christin hielt sie an dem alten Brauch fest, daß während der heiligen Nächte, in welchen auch das Sonnenrad stille stünde, kein Rad und keine Spindel sich drehen dürfe. Auch die Knechte hatten sich schon in das Gebäude, wo Rosse und Vieh untergebracht waren, zurückgezogen.
Trudpert, der Sohn und Erbe des Hofes, saß über einer Schriftrolle gebeugt am schweren Eichentisch und las im aufgehellten Scheine des Herdfeuers, denn er war des Lesens und Schreibens kundig, als einstiger Schüler des Klosters St.Gallen. Bei der Taufe erhielt er den Namen Trudpert, den sein Vater schon trug, nach einem heiligen Manne und Glaubensboten, der in der Nähe seines südlicher gelegenen, hügeligen Rebgutes als Einsiedler gelebt hatte und von zwei heidnischen Knechten erschlagen wurde. Otmar, der rührige Abt von St.Gallen, der seit 719 aus der zerfallenen Galluszelle nach und nach das Kloster schuf und 747 nach der Regel des hl. Benedikt begründete, war auf seinen großen und mühseligen Missionierungsreisen dem Rhein entlang auch auf das Gut des Vaters gestoßen. Die Einfachheit dieses großen, mit reichem Wissen und Können ausgezeichneten Abtes, der aus seinem Stamme und wie er alemannischen Geblütes war, gewann die Zuneigung, ja die Freundschaft seines Vaters, den er dann, wie seine ganze Familie und Angehörigen für das Christentum gewinnen konnte. So kam es auch, daß er, Trudpert, der Knabe, freudig dem großen Abte Otmar in seine Klosterschule nach St.Gallen folgte. Wohl hegte dann der gütige, von allen verehrte und geliebte Vater und Abt immer mehr die stille Hoffnung, daß er, der gelehrige, für die christliche Denkungsart aufgeschlossene junge Schüler einmal im Chore der Mönche ihm in segensreichem Wirken zur Seite stehen würde. Doch es kam anders.
Aus der kleinen klösterlichen Niederlassung im Steinachtal im Arbongaue war nun unter fränkischer Schutzherrschaft durch Abt Otmar ein großes Kloster mit Kirche aus Stein erbaut worden. Seelsorge, Wissenschaft und Kunst standen bald unter Otmars Wirken in hoher Blüte. Doch Abt Otmar blieb einfach und schlicht. Auf einem Esel reitend suchte er selber mit seinen Brüdern die Seinigen im Lande auf. Er schuf Gebetsstätten und Siechenhäuser und war allgemein als Vater der Armen geliebt und verehrt. Durch Kauf und Schenkung vieler Güter im Thurgau, Linzgau, Hegau, Breisgau und im Elsaß gelangte die Abtei unter Leitung ihres Abtes Otmar zu Ansehen und Wohlstand. Nur dem Bistum Konstanz, zu dessen Kirchsprengel sie gehörte, war sie zinspflichtig.
Der Aufstieg und das Ansehen den Abtei St.Gallen und ihres Abtes erweckten den Neid und die Habsucht der beiden fränkischen Gaugrafen Warin und Ruthard, der Kammerboten König Pipins, die ganz Alemannien regierten. Diese entrissen dem Kloster wertvolle Güter und versuchten St.Gallen stärker unter fränkische Botmäßigkeit zu bringen. Selbst Bischof Sidonius von Konstanz ließ sich nur zu gern von den beiden Grafen betören. Von Habsucht und stillem Neid erfüllt suchte er St.Gallen zu seinem bischöflichen Eigenkloster zu machen.
Gegen diese Einund Zugriffe seiner Gegner verteidigte sich Abt Otmar und beklagte sich bei König Pipin. Einmal aber auf dem Weg zum Königshof gelang es den Feinden Otmars ihn, den verhaßten Abt, aus dem Hinterhalte zu überfallen und gefangen zu nehmen. Sie schleppten ihn vor das bischöfliche Gericht zu Konstanz und erhoben falsche Anklage gegen ihn. Starken Einspruch hierbei gewann Lantpert, ein mißratener St.Galler Mönch, welcher durch Versprechungen und Gold betört seinen Abt eines unsittlichen Lebenswandels bezichtigte. Dem Bischof sowohl als den Gaugrafen kam diese Kunde willkommen. Das Gericht setzte den Abt Otmar ab und verurteilte den Unschuldigen zu „ewigem Gefängnis". Man brachte ihn auf den Frauenberg am Überlinger See über der Königspfalz Bodmann in ein dunkles, kaltes und feuchtes Verlies, zu strenger Einzelhaft.
Noch überläuft Trudpert eine Welle des Zornes und der Qual, und tiefe Abscheu erfaßt ihn beim Gedanken an die fluchwürdige Behandlung des geliebten Vaters und Abtes Otmar, und dieses von jener Seite, die doch sein segensreiches Wirken in erster Reihe hätte unterstützen müssen. Der alternde und abgemühte Leib des Abtes und Vaters Otmar wäre dem Hungertode preisgegeben worden, wenn nicht dem getreuen Mönch Perahtgoz und ihm, Trudpert, und Wisirich, dem ihm gleichgesinnten Klosterschüler, es abwechselnd gelungen wäre, heimlich Nahrung durch eine schmale Mauerlucke in die Tiefe des Kerkers hinabzulassen.
Als bald danach Bischof Sidonius von seiner ihm leicht zugefallenen Beute, dem Kloster St.Gallen, Besitz nahm und den neuen Abt, einen aus dem Kloster Reichenau hierfür herbeigeholten Mönch, namens Johannes, einführte, trat ihm wohl der Konvent mit starker Zurückhaltung, aber doch geziemend entgegen. Ihm aber, Trudpert, war es nicht möglich, sich beim Eintritt des Verachteten zurückzuhalten. Als der Bischof durch die Pforte des Klosters schritt, sprang er aus den Reihen der Schüler hervor und spie ihm verächtlich vor die Füße.
Nur mit Mühe und Not konnte er hierauf flüchtend zwischen der gaffenden Menge entkommen.
Am späten Abend gelang es ihm dann es war eine Sturmnacht wie heute in das Kloster zurückzukehren. Im Kreuzgang, durch dessen Rundbögen der Orkan aufheulend, als ob alle bösen Geister der Hölle losgelassen wären, tobte, traf er auf eine dunkle Gestalt und blickte gleich darauf in die unstet flackemden Augen Lantperts, des verräterischen Mönches. In aufflammendem Zorne packte er diesen mit scharfem Griff um die Kehle und er hätte den Unseligen, um sein Leben winselnden, erwürgt, wenn somit nicht des Verräters Blut über ihn gekommen wäre. So eilte er denn über den vor ihm auf der Erde liegenden hinweg und entkam, seine Scholarengewandung ablegend, in die Finsternis der Nacht.
Ein Aufheulen des Sturmes weckte Trudpert aus diesen quälenden Gedanken der Erinnerung. Waldcozus bekreuzigte sich und murmelte seinen Spruch. „Du bannst die alten Götter? Sie waren gnädiger als der Eine, Tatsächliche” knirschte Trudpert. „Er duldet es, daß seine Heiligen in Qualen zermartet und zertreten werden!” „Herr, rede nicht also. Er, der Allmächtige selber hat seinen eigenen Sohn dahingeopfert zur Rettung der Menschen. Seinen eigenen eingeborenen Sohn” wiederholte Waldcozus mit Nachdruck. „Gott fügte es, daß du damals bei deiner Flucht unversehrt, gerade richtig in die Heimat zurückkamst, um deinem sterbenden Vater die Augen zu schließen und dein Erbe entgegen zu nehmen. So war alles Gott des Herrn Wille” setzte er hinzu. „Wahrhaftig, ein wahrer Christ, mehr denn ich mit all meiner Gottesgelehrtheit” dachte hierauf Trudpert bei sich.
Zwischen dem Tosen des Sturmes hörte man plötzlich Schreie und Stöhnen, die aus Menschenkehle zu kommen schienen. „Das ist kein Sturm, kein Heulen eines Wolfes” rief Trudpert. „Hier ist ein Mensch in Not, schau nach, Waldcozus, doch sieh dich mit einer Waffe vor, man kann nie wissen, wie noch Häscher am Werk sind ich folge dir auf dem Fuß.” „Nein, Herr, bleib zurück, verbirg dich” mahnte der Getreue. „Weißt du noch wie sie dich suchten, damals, geführt von dem schändlichen Mönche, der Abt Otmar verriet, er wollte auch dich verderben doch ich wies ihnen ein Ziel, an dem sie dich nimmer finden konnten.” „Weiß der Teufel wie sie mir in dem abgelegenen Zarduna auf die Spur kommen konnten”, knirschte Trudpert verächtlich. „Sie gaben es dann auf, dich weiter zu verfolgen, und diese deine Hube hier, die du mir in Verwaltung gabst, bietet dir weiterhin Schutz ich gelte ihnen als Herr und Besitzer", fügte Waldcozus beruhigend hinzu. „So öffne denn die Pforte”, gebot Trudpert, „doch wecke zuvor die Knechte”.
Waldcozus öffnete etwas zögernd die Türe und nahm draußen am Hoftor den schweren Bolzen hinweg.
Ein Mensch taumelte herein und Trudpert, der Waldcozus gefolgt war, sah beim flackernden Scheine des erhobenen Spanes die schreckensvoll geweiteten Augen des Mönches Lantpert von St.Gallen auf sich gerichtet. „Unseliger, was suchst du hier?” schrie Trudpert durch das Sturmgetöste Lantpert an. Ein gelles Auflachen war die Antwort. Es schüttelte den Mönch im zerschlissenen Gewande unter der harten Faust des Waldcozus, die ihn gefaßt hatte, hin und her, und zwischendurch kam in abgerissenen Worten aus ihm heraus: „Du lebst, Trudpert? Bist du es wirklich? Dem Mächtigen, Gott oder Teufel, Dank, der mich zu dir führt. Da bin ich, töte mich jetzt den Verräter den Mörder! Du willst nicht?” Das neue schrille Auflachen eines Wahnsinnigen, das Trudpert mit Schauder erfüllte, ließ den Mönch wieder taumeln, bis er erschöpft niederfiel. Doch gleich riß es ihn wieder empor und Trudpert anstarrend wimmerte er: „Er ist tot, unschuldig getötet, unser guter Vater, unser Abt Otmar!”
„So habt ihr ihn denn endlich zu Tode gequält, langsam verenden lassen wie ein edles waidwundes Tier? ihr Mörder, ihr Scheinchristen, ihr Pharisäer, ihr Teufel in Menschengestalt und du bist sein Judas”  kam es qualvoll vor tiefem Schmerz aus Trudpert heraus. „Ich, ich,hier bin ich töte mich jetzt!” schrie Lantpert, der bei jedem Worte Trudperts wie unter einem Peitschenhieb zusammengezuckt war. „Nein, niemals, lebe nur dein elendes Leben weiter, das schlimmer ist als der Tod”, herrschte Trudpert ihn an. „Eingemauert gehörst du, wie Abt Otmar, damit du langsam hinsiechst in all deiner Schuld und Höllenqual.” Lantpert brüllte! auf wie ein zutodegetroffenes Tier. Er umklammerte die Faust des Verwalters, welche ihn immer noch hielt. „Erbarmen, so töte du mich, dessen Hütte ich durch mein Dasein verpeste”, bat der Mönch flehentlich Waldcozus. „Nur, wenn es mein Herr gebietet”, antwortete ihm dieser. „So bist du hier nicht Herr und Gebieter?” „Nur für dich und deinesgleichen” sagte Waldcozus. „So mußt du mich jetzt töten, denn ich habe auch deinen Herrn verraten und verfolgt”, schrie ihn der Mönch an. „Ich tue es nur, wenn es mir geboten wird” versetzte Waldcozus mit Nachdruck.
In diesem Augenblick riß der Sturm, das nicht wieder fest verschlossene Tor weit auf. Der Mönch entwand sich der ihn umklammernden Faust und eilte ihm zu, und indem ihn sein irrsinniges Gelächter wieder hin und her schüttelte schrie er: „So helfe mir der Teufel, dem ich verfallen bin." Gleich hierauf war er in der brausenden Sturmnacht verschwunden.
Trudpert und Waldcozus wußten, daß er in der Richtung des Wildbaches eile, der dort gestaut einen Weiher bildete. Er war tief und hatte jetzt da noch kein starker Frost über ihn gekommen war, nur eine dünne Eisdecke, die noch keinen Menschenkörper zu tragen vermochte. Waldcozus erreichte gerade noch den Versinkenden und erfaßte ihn am Gewand, indes Trudpert den verlöschenden Span, den er mit sich getragen hatte, mit vorgehobener Hand schützte. Sie bargen dann beide den Bewußtlosen und brachten ihn in das Haus zurück, wo sie ihm ein Lager bereiteten.
Tage und Nächte waren vergangen, und auch die Heilige Nacht, die allen Menschen den Frieden bringen sollte. Lantpert brannte im Fieber. Er warf sich auf seinem Lager hin und her und stieß Schreie der Verzweiflung aus, da er sich wohl in der Hölle glaubte.
Langsam genaß er unter der Pflege, die ihm gewährt wurde. Als Trudpert sich einmal über ihn beugte, öffnete er seine Augen und erblickte ihn. „Er schien seiner Sinne mächtig zu sein, denn er wollte wissen, wie er der Hölle, in die er gestürzt wäre, entkommen konnte. Als er von Trudpert erfuhr, daß er und Waldcozus ihn aus dem Weiher geborgen und dieser mit seiner Mutter ihn treulich versorgt und gepflegt hätten, stürzten ihm Tränen aus den Augen.”  „Wie und wo kann ich endlich Ruhe finden?” fragte er gequält. „Der unschuldig verratene Abt hat nach seinem Tode in mir ein furchtbares Feuer entzündet, das mich lebendig verbrennen, aber nicht töten kann. Warum habt ihr mich nur diesem erbärmlichen Leben wiedergegeben?’ wimmerte Lantpert. „Du Tor”, antwortete Trudpert, „willst du denn der irdischen Höllenstrafe, welche dich gerechterweise traf, entgehen, um dich in die ewige zu stürzen?" „Nimm dein elendes Leben und Leiden hin zur Buße und unser Herr und Erlöser und der gute Vater und Abt Otmar werden dir verzeihen.” „Verzeihen?  verzeihen?” stöhnte ungläubig Lantpert. „Als ich Otmar, unseren Abt und Vater, lasterhaften Lebens bezichtigte, schwieg er und sah mich groß und traurig an, doch Herz und Sinn blieben mir kalt, kalt wie das Gold, das ich mir für meine Lüge errang.” Heftig schluchzend sank Lantpert auf sein Lager zurück.
In den nächsten Wochen hatten sich Sturm und Wetter gelegt. Trotz winterlicher Zeit machte sich Lantpert auf. Er wollte als Büßer in das Kloster des heiligen Gallus zurückkehren. Laut wollt er dort die Unschuld des Abtes und Vaters Otmar verkünden und seine Schuld als Verleumder und Mörder bekennen, auch wenn man ihn schlagen und wie ein Hund vor das Tor setzen würde. Durch Trudpert mit neuer warmer Kleidung und mit reichem Mundvorrat versehen, verließ er darauf Zarduna.
Bald drang dann auch von Sankt Gallen her die sichere Kunde, daß Abt Otmar, der von dem angesehenen fränkischen Grundherm Gozbert zu Eschenz am Untersee zu einer milderen Haft auf seiner Rheininsel Werd bei Stein am Rhein gehalten war, dort in der Verbannung fast siebzigjährig gestorben und begraben worden wäre.
Dieses war am sechzehnten des Nebelung 759 geschehen.
Jahre vergingen. Nach einem harten Winter folgte ein mildes Frühjahr. Trudpert werkte noch immer mit seinem Verwalter Waldcozus und dessen Mutter, welche nach dem frühen Tode der Seinigen ihn schon auf den Armen gewiegt hatte, auf seinem Hofgute in Zarduna. Selten und nur so viel es notwendig erschien, besuchte er mit aller Vorsicht das ihm von seinem Vater noch verbliebene Rebgut nahe dem Rheine.
Es war an einem Tag im Maien. Neu stand die junge Saat auf den Feldern und schon beim Morgengrauen jubelten die Amseln dem kommenden Frühlicht entgegen. Auch Trudpert, den meist ernsten und verschlossenen, auf dessen Seele immer noch Undank und Schmach lasteten, welche Abt Otmar durch seine nächsten Mitarbeiter beim Aufbau des Reiches Christi angetan wurden, ermunterte dieser Lobesgesang der Natur.
Heute war es ihm, als ob diese Last von ihm genommen wäre. Fröhlich stimmte er den Morgenpsalter seiner Scholarenzeit im Kloster Sankt Gallen an, der nun schon so lange in seinem Herzen geschlummert hatte:

„Iubilate Deo, omnis terra:                     Frohlocket Gott, ihr Lande all:
servite Domino in laetitia!”                    in Freuden dient dem Herrn!”
Ps. 99

und die Berge rings um Zarduna stimmten schweigend mit ein bei der Pracht der aufgehenden Sonne, besonders der Kandel, der helleuchtende, schneeweiße Berggipfel, wie ihn schon hier die Vorfahren, die Kelten benannt und besungen hatten.
Als Trudpert in den frischen Morgen zur Arbeit schritt, war ihm die gleiche Herzensfröhlichkeit geschenkt, die er seiner Zeit im Steinachtale unter den gütigen Augen seines geistlichen Vaters, Abt Otmar, in sich trug. An diesem Tage war es, daß ein Mönch, wohl seines Alters, an seine Tür pochte. Gleich darauf bot ihm, der von der Wanderung gebräunte, seinen Friedensgruß. Es war Wisirich, der immerfrohe aus seiner Scholarenzeit in der Klosterschule von Sankt Gallen, der ihn in die Arme schloß. Er brachte die gute und befreiende Kunde, daß die Schuldlosigkeit ihres verehrten und geliebten Vaters und Abtes Otmar nun ganz offenbar geworden wäre. „Viel Unbill hatten noch die zu ihm treu stehenden Mönche von Sankt Gallen durch den Stolz und die Herzenshärte des Bischofs Sidonius von Konstanz zu ertragen.
Doch einmal, als dieser zornerfüllt im Kloster eintraf, da ihn König Pipin wegen seiner Bedrängung von Sankt Gallen rügte, war es, daß ein sichtbares Gottesgericht über ihn kam. Von Rachegedanken erfüllt bestieg er stolzerhobenen Hauptes die Stufen des dem heiligen Gallus geweihten Altares, als ob er dort eine Andacht; verrichten wolle. Da befiel ihm plötzlich ein furchtbares, körperliches Leiden. Qualvoll entwich ihm das Innere seines Leibes, einen pestartigen Geruch verbreitend. Es war, als ob alle Häßlichkeit und aller Unrat seiner Seele auf diese Weise für alle sichtbar würden. Mit Mühe nur konnte man ihn auf seinen Wunsch nach dem Kloster Reichenau bringen, wo er bald einem schweren Tod erlag. „Auch Lantpert, der Verräter, ist in das Kloster zurückgekehrt" berichtete Wisirich weiter. „Gebrochen an Leib und Seele bekannte er laut seine Schuld und war gewillt jede Buße auf sich zu nehmen, wenn ihm Gott und der von ihm geschmähte Abt Verzeihung schenken könnten. Er wurde erhört. Nach den fiebrigen Erschütterungen, die ihn durchwühlt hatten, erschlaffte die Lebenskraft seiner Glieder nach und nach, und er wurde allmählich zum Krüppel. Wie so alle seine Glieder die Geradheit oder die natürliche Form einbüßten und sein Kopf nach Art der Vierfüßler zur Erde geneigt war, gestand er auch durch die Verbildung seiner furchterregenden Gestalt, daß er gegen den Heiligen Gottes gesündigt habe.”
Trudperh hörte erschüttert diesen Bericht, doch verschwieg er, daß es ihm gegeben war, den Verzweifelnden dem Judastode zu entreißen.
„Auf die so sichtbaren Gottesgerichte hin” fuhr Wisirich fort, „ist es nun auffällig, wie zurückhaltend sich die beiden Gaugrafen Warin und Ruthard, dem Kloster Sankt Gallen gegenüber verhalten. Keiner wagt es mehr, dieses in irgendeiner Weise zu bedrängen.”
„Und der neue Abt Johannes von Reichenau, wie verhält er sich zu diesen Ereignissen?" fragte Trudpert. „Gott war uns gnädig, er ist ein demütiger und besorgter Nachfolger auf dem Abtsstuhle Otmars”, sagte Wisirich erleichtert. „Er ist es auch, der mich auf meine Bitte hin zu dir sendet, dir mitzuteilen, daß für dich keine Gefahr mehr bestehe, und daß du beruhigt deine Einsamkeit hier, in welcher du zurückgezogen lebst, verlassen könntest.”
Von der Hausbank unter dem schattenden Eichbaum, auf welchem sich Trudpert und Wisirich nach dem Mittagsmahle zur Ruhe niedergelassen hatten, sah man weit ins Tal hinein mit seinen Äckern und Wiesen, auf denen das Vieh friedlich graste. Man sah auf die dunklen Berge rings um, von denen der Kandel noch ein schimmerndes Schneegewand trug, man hörte das Jubeln der Vögel im jungen Laube und das ungestüme Rauschen der Wildbäche.
„Zarduna, das befestigte umhegte Gut, ist mir traut und lieb geworden”, sagte nach einer Weile Trudpert besonnen. „In ihm barg ich Enttäuschung und Qual und meinen Zweifel an Gottes Gerechtigkeit. Mußten wir nicht erleben, wie Treulosigkeit, Lüge und jedes Laster siegten, auf einer Seite, die nach außen hin Gottes Wort vertrat?” „Du sagst es, doch Gottes Gedanken und Wege sind nicht die unsrigen”, antwortete Wisirich. „Dies machte mir Otmar, unser geliebter Abt und Vater selber offenbar.” „Otmar?”  rief Trudpert verwundert. „Hast du ihn denn noch einmal vor seinem Tode gesehen und gesprochen?” „Gott schenkte mir diese wunderbare Gnade”, sagte Wisirich bescheiden. „Ich war am Orte seiner Verbannung auf der kleinen Insel Werd, umströmt von Rhein und See, und es erschien mir gleich einem Eiland tiefsten Friedens. Ich fand den Vater froh, gelöst von allem was gemeinhin Menschensinn bedrückt. Was immer uns an Otmar so beglückte, das heilige Wort, die Gabe es auszulegen, es zu leben, mit Hilfe der unvergleichlichen Regel des heiligen Benedikt‚ der Stufenleiter, die zu Gottes nächster Nähe führt. Er hatte sie bestiegen und stand nun auf der höchsten Stufe, im Geiste schon entrückt, der Ewigkeit geeint. Ich fand ihn, sein ganzes Sein und Wesen restlos Gott anheim gegeben. Sein zeitliches und ewiges Schicksal, sein Leben und sein Sterben lag in Gottes Hand. Er war dem heiligen Christ gefolgt und trug sein Kreuz ihm nach, er konnte mit ihm sprechen: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch und der Auswurf des Volkes.” So lebte und so starb er in großer Demut vor Gott, und seinem heiligen Willen hingegeben.”
Es war später Nachmittag geworden. Beide schwiegen und sahen im Geiste den heiligen Vater Otmar vor sich, geschmäht, verstoßen, vergessen von der Welt, still, einsam hinsinkend in den Tod. So geschehen nach ruhmreicher Tat, Aufbau, Wirken, Hingabe seiner ganzen gotterfüllten Persönlichkeit an seine Nächsten im weiten Umkreis, unermüdlich Leben schaffend und wirkend. Doch das Weizenkorn muß sterben, um tausendfältige Frucht zu bringen. Trudpert wurde dieses klar im irdischen Bild. Vor ihm stand die junge Saat und erfüllte die Äcker. Korn um Korn war aufgegangen zu geheimnisvollem neuschaffendem Leben. Muß das nicht alles so sein auf Erden in der von Gott geschaffenen Welt?
Die Sonne hatte ihren höchsten Stand verlassen, langsam sank sie hin in Schönheit verglühend. Längere Schatten schenkten Kühlung. Die Vögel, jubelnd, sangen dankbar in den scheidenden Tag.
Da erhob sich Wisirich, der Mönch. Er breitete seine Arme aus und sang den Hymnus der Vesper:

”O seliges Licht, Dreifaltigkeit,
Dreieinigkeit von Anbeginn,
schon sinkt der Sonne Feuerball,
gieß ein den Herzen jetzt dein Licht.
Dich preisen wir im Morgenlob,
dich laß am Abend uns anflehn,
Dich rühme unser schwaches Lied,
durch aller Zeiten Wandel hin.
Gott Vater sei das Lob geweiht
und seinem eingebornen Sohn,
dem Beistand auch, dem Heilgen Geist,
jetzt und in alle Ewigkeit, Amen."

Als Wisirich den Hymnus gesungen hatte und das Gebet sprach: „Unser Abendlob steige zu Dir empor, o Herr” antwortete Trudpert: „Und Dein Erbarmen neige sich zu uns nieder.” Dann lobten sie die reine Magd des Herrn, die durch Gottes Liebe und Erbarmen der sündigen Welt den Erlöser zum ewigen Leben schenken durfte.
Nun schritten sie in den schon länger gewordenen Abend des Lenzes. Würzig wehte die Luft der jungen Gräser und süß der weiße Blust der Kirschbäume. „Nicht nur himmlisches Gedankengut schenkte Abt Otmar und sein Kloster, auch irdisches Wissen und Können wurden vermittelt" unterbrach Trudpert ihr Schweigen. „Mit Waldcozus, meinem getreuen und gelehrigen Verwalter, schuf ich hier all meine Habe, und der Himmel gab seinen Segen hierzu.”
„Abt Johannes ist jetzt bemüht”, fuhr Wisirich weiter fort, „auch die äußere Ehre und das ihm geziemende Andenken für Abt Otmar zu erwirken. Man denkt daran, seinen schon durch Wunder ausgezeichneten Leib von der Insel Werd in das Kloster Sankt Gallen zurückzubringen, um ihn da feierlich und würdig zu bestatten. Aber dieses Unterfangen wird ein sehr schwieriges und kostspieliges sein.”  „Doch das muß und wird gelingen” rief Trudpert freudig aus. „Hierzu bin ich wieder mit Wille und Kraft, mit allem, so wie ich es vermag, ganz einig mit euch und euerem Kloster. Der Geist des heiligen Vaters Otmar muß weiter wirken für alle Zeit, bei euch, bei uns, und in unserem Volke, dem er als würdiger Nachfolger des heiligen Gallus neues Leben schenkte. Ich stehe euch zur Verfügung, Wisirich, hier meine Hand, wenn es gilt, Abt Otmar dem Kloster des heiligen Gallus und all den Seinen wieder zurück zu gewinnen” fuhr Trudpert begeistert fort „sei es mit mir, mit meinem eigenen Tun, oder mit meiner Habe.” „Nun bist du wieder der Gleiche, so wie ich dich kenne von damals her, aus unserer Scholarenzeit” sagte Wisirich, fröhlich, die dargebotene Hand Trudperts ergreifend.
Waldcozus blickte verwundert auf seinen Herrn, als er diesen mit raschem, frischem Schritt und fast jugendlich erscheinend an der Seite seines Gastes aus Sankt Gallen in das Wohnhaus zurückkehren sah. Seine immer noch rüstige alte Mutter hatte den großen Eichentisch mit dem selbstgewirkten, besten Linnen bedeckt, Becher mit dem köstlichsten Weine gefüllt, der aus des Herren Rebgut nahe dem Rheine stammte, standen neben den Tellern. „Gott segne euch Brot und Wein und all euer Tun” sagte sie, als man sich nach gemeinsamem Dank an Gott niederließ. „Fürwahr, hier ist ein kleines Paradies schon auf Erden”, sagte Wisirich, während der Mahlzeit, indem er lächelnd den “Becher hob.“ „Gern teile ich mit euch dieses, ja, ich übergebe es euch”, gab Trudpert den Bescheid.” „Wie meinst du das?" Der Freund seiner Jugend sah ihn fragend an. Trudpert schwieg längere Zeit, in welcher nicht nur Wisirich, sondern auch alle anderen gespannt auf den Mund ihres Herrn sahen. Dieser erhob sich, blickte in die Weite und dann fest in die Augen des Mönches und sprach: „Eingedenk des Herrenwortes, „Gebt und es wird euch gegeben werden, vergebt und es wird euch vergeben werden“ denn auch mir muß viel vergeben werden, indem ich an Gott und seiner ewigen Gerechtigkeit zweifelte und in stillem Gedenken an Otmar, dem ersten Apostel aus unserem eigenen alemannischen Volke, teile ich mit euch Land und Besitz. Dieses hier in Zarduna gelegen, sei euch nach meinem Tode zu immerwährendem und rechtsgültigem Eigentum übergeben. Es sei euch und eurem Herrn und Abt Johannes im Kloster zu Sankt Gallen zu eigen.”
Tiefe Stille herrschte bei diesen Worten Trudperts im Raume. Von draußen hörte man das Rauschen der jungen Dragisama und den jubelnden Schlag einer Amsel in den dämmernden Abend. Alle hatten sich mit Trudpert erhoben und es war wie ein heiliger Schwur, der sich über Haus und Hof und ringsum über das weite Land legte.
Wisirich sah bewundernd, ja fast erschrocken auf seinen Freund, er sah vor sich all die fruchtbaren Äcker und Matten im weiten Tale, die fischreichen Wasserläufe und die durch allerlei Wild belebten Wälder, ringsum eingeschlossen von schützenden Bergen. Er war nicht nur Diakon, sondern auch Schreiber der Rechtsangelegenheiten des Klosters und er wußte, was diese Worte für Trudpert bedeuteten, doch er würde sie wahrmachen.
So kam es, daß Trudpert seinen Vertrag mit dem Kloster Sankt Gallen im Arbongau schloß und seine Schenkung verbriefte. Es war dieses im vierzehnten Regierungsjahr von Pipin, dem König der Franken. Elf Zeugen unterschrieben das Dokument, darunter Lantpert, der unglückliche, aber reuig gewordene Verräter Otmars. Wisirich, der Freund Trudperts, hatte in dessen Namen die Urkunde verfaßt und niedergeschrieben. Es war dieses im Jahre des Herrn 765.
Vier Jahre, nachdem Trudpert seine Schenkung aus der Mark Zarduna an das Kloster Sankt Gallen im Arbongau vollzogen hatte ein Jahrzehnt war vergangen seit Abt Otmar auf der kleinen Insel Werd in der Verbannung seine Augen für diese Erde schloß da fuhren mit den Wellen des Rheines elf beherzte Mönche aus Sankt Gallen mit einer Ruderbarke den Bodensee hinab. Das längstersehnte Ziel galt zu erreichen, den noch immer auf der Insel Werd ruhenden Leib Abt Otmars in das heimatliche Kloster Sankt Gallen zurückzubringen, damit er dort in der durch ihn erbauten Kirche in allen Ehren bestattet werden könne.
Es war im Spätjahr 769. Im Herbstgold brannten Bäume und Büsche am Gestade des Untersees und auf der kleinen Insel Werd, welche die rauschenden Wogen des jungen Rheines, der sich hier aus dem See ergoß, umspülten. Die sanktgallischen Mönche betraten ehrfurchtsvoll die kleine Kapelle, welche der fränkische Grundherr Gozbert zu Eschzenz über die steinerne Gruft des ihm liebgewordenen einstigen Abtes von Sankt Gallen errichten ließ.
Es war inzwischen Nacht geworden und der besternte Himmel lag über dem einsamen bescheidenen Heiligtum. Drinnen flutete der volle Mond durch die rundgebogten schmalen Fenster der Kapelle, in der nur ein stilles Licht vor dem Sanktissimum, das hier in einer Mauernische geborgen war, brannte.
Als die Mönche die schwere Grabplatte hoben, sickerte der silberne Schein des Mondes durch eines der Fenster in die dunkle Tiefe des Grabes. O Wunder, der heilige Vater und Abt lag hier unversehrt, als ob er dem Tag der Auferstehung nur entgegenschliefe. Ergriffen von diesem Anblick fielen alle auf die Knie und sangen jubelnd im Chore:

"Amavit eum Dominus,               "Der Herr hat ihn geliebt
Et ornavit eum,                              und ihn geschmückt.
Stolam gloriae induit eum.”         Das Kleid der Herrlichkeit hat
                                                        Er ihm angetan.”
Die Mönche trugen des anderen Tages ihren toten Vater behutsam unter Psalmengesängen und begleitet von dem Priester und den Bewohnern der nahegelegenen Orte zum Gestade des Rheines, der hier schon zum See geweitet war. Man stellte dann auf das Ruderboot zwei brennende Kerzen zu Häupten und Füßen des Abtes und die guten Leute, die sich nur ungern von ihrem „Heiligen” trennten, der wie sie versicherten, schon manches Gebet erhört hätte, brachten einen Lägel (Fäßchen) guten Weines, den die tapferen Mönche auf ihrer weiten gefahrvollen Rückfahrt wohl zur Stärkung benötigen würden.
Wie das Schifflein unter den Ruderschlägen der Mönche durch den Rhein und dann den Seeufern entlang glitt, kamen von überall Menschen, oft in der Feldarbeit innehaltend, um noch einen letzten Segensgruß von dem heiligen Manne zu erhalten.
Als dann das Boot auf dem großen See dahinglitt, verfinsterte sich mit einem, Male immer mehr der Himmel. Eine Windböe legte sich über den weiten See, und immer schwerer hatten es die Ruderer gegen die heranwallenden Wogen zu kämpfen, die das Schiff immer weiter vom Ufer weg in den offenen See hinaustragen wollten.
Sie flehten zum Himmel und sahen in das stille Angesicht ihres ruhenden Vaters, neben dem, wie wunderbar, der Sturm die brennenden Kerzen nicht zu löschen vermochte. Auch der Wein aus dem Lägel stärkte die abwechselnden Ruderer so sehr, daß sie mit kräftigen Schlägen mitten durch die anwallenden Wogen ihrem Ziele näher kamen. Der Wein in dem Fäßchen verringerte sich nicht und reichte aus bis der Sturm sich gelegt hatte und sie sich glücklich an Land begeben konnten.
Als dann später die elf tapferen Mönche mit ihrer heiligen Bürde nahe dem Kloster Sankt Gallen waren, fingen die Glocken der von Abt Otmar erbauten Kirche zu läuten an.
Unter dem weitgeöffneten Tore, wo man den großen Vater mit dem Kruzifix, mit brennenden Kerzen und mit Weihrauch dankbar erwartete, war auch Wisirich und ihm zur Seite Trudpert zugegen. Aus übervollem Herzen stimmten sie in den Gesang der Mönche und Brüder ein:
"Ecce sacerdos magnus,                             "Sieh, ein Hoherpriester,
qui in diebus suis placuit Deum!”                 der in seinen Tagen Gott wohlgefiel!”

Trudpert verspürte eine große Seligkeit, wie er sie noch nie gekannt hatte. Es war ihm, als ob sein geliebter Vater, Abt Otmar, ihn im Geiste in seine Arme schlösse, ihn segnete und spräche: "Ziehe hin, mein Sohn, in Frieden!”
Am 25. Oktober 864 war es, daß auf der Diözesansynode zu Sankt Gallen, der Konstanzer Bischof Salomon I.‚ die Heiligsprechung Otmars in die Wege leitete. In Sankt Gallen wurde dann neben der Galluskirche eine Otmarskirche erbaut und Sankt Gallus und Sankt Otmar zu Schutzpatronen des Klosters erhoben. Bald darauf wurde auch in der ganzen Diözese Konstanz der Todestag Otmars am 16. November gefeiert und Sankt Otmar als Schutzheiliger Alemanniens verehrt.
aus:
Alt-Kirchzarten erzählt . . .
Alt-Kirchzarten in Erzählungen
nach Legende, Sage, Chronik und mündlichem Bericht von Erika Ganter-Ebert


Ein altes Gasthaus erzählt
Die Sage von dem ehrenwerten und standhaften Ritter Kuno von Falkenstein
von Erika Günter-Ebert
Mitten in Kirchzarten‚ dort wo es noch alt ist und erzählen kann, nicht weit von der ehrwürdigen Dorfkirche, deren uralter Turm wohl auf den Resten eines römischen oder gar keltischen Wachtturmes ruht und in deren Inneren das Grabmal des Ritters Kuno von Falkenstein befindet, liegt das Gasthaus „Zum Rindsfuß”, jetzt „Zur Fortuna” genannt. Es ist wohl die älteste Gaststätte deren bauliche, noch erhaltenen Teile weit in das Mittelalter hineinreichen und auf einen gotischen Profanbau schließen lassen. Dieser muß einst neben dem Gotteshaus eine Zierde des Dorfes gewesen sein.
So wäre es wieder, wenn sein hohes Giebeldach, das vermutlich wie die damaligen gotischen Profanbauten mit einer sich abstufenden Zinne gekrönt war, neu hergestellt würde. Die schönen profilierten Fenster in Farben getönt und ihre Stäbe mit schmalen Goldstreifen versehen, würden das ganze Gebäude wieder zu einem wahren Schmuckstück des Dorfes gereichen lassen.
Leicht versteht man, daß hier nach mündlicher Überlieferung die Hochzeitsfeierlichkeit der immer noch um ihren im Kreuzzug gebliebenen Gatten Kuno von Falkenstein trauernden Frau Ida mit einem anderen Ritter stattgefunden haben soll. Das Hochzeitsmahl, das einen so traurigen Anfang genommen hat, nahm ein glückliches Ende durch die unerwartete Rückkehr des Ritters Kuno von Falkenstein. Noch sieht man heute, den in die Ecke des Hauses eingemauerten Stein, welchen der Teufel nach dem Ritter Kuno warf, als er sich um den Pakt, den er mit dem Ritter um dessen Seele geschlossen hatte, betrogen sah.
Geschichtliche Tatsache ist, daß Ritter Kuno von Falkenstein, wie die Chronik von 1320 berichtet, „Zwang und Bann samt Boden” zu Kirchzarten besaß und die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit dort ausübte.
Heute noch labt ein kühler Trunk aus der Tiefe des Kellers alle einheimischen und fremden Gäste in der Wirtsstube des Ritters Kuno von Falkenstein im Gasthaus „Zur Fortuna” einzutreten. Dort befinden sich auch die noch vorhandenen Urkunden des Hauses. Die ältesten sind leider dem Bauernkrieg und einem Brande zum Opfer gefallen. Die Stube schmückt ferner ein holzgeschnitztes Relief, ein kleines Kunstwerk des Holzbildhauers Gerhard von Ruckteschell, welches den tapferen Ritter Kuno von Falkenstein zeigt und in sechs Bildern die abenteuerlichen Erlebnisse des standhaften Ritters erzählt.
So hören wir denn die Kernsage des Dorfes Kirchzarten: „Die Geschichte von dem ehrenwerten und standhaften Ritter Kuno von Falkenstein”.
„Die Sage vom ehrenwerten und stundhaffen Ritter Kuno von Falkenstein"
Das letzte Halali der Jagd verklang in den Bergwäldern des „schwarzen" Waldes, wo noch Bär, Wolf, Hirsch und Luchs hausten, und verlor sich am wilden Felsenhang gegenüber, den die Burg Falkenstein krönte. Schon war das Gefolge mit der Meute und dem erlegten Wild auf dem Weg, um über die enge Talschlucht die heimatliche Burg zu erreichen, wo Imbiß und kühler Trunk lockten. Herr Kuno, Ritter von Falkenstein, war mit seiner treuen Bracke etwas zurückgeblieben und folgte in tiefem Nachsinnen verloren nur langsam seinen Leuten nach. Ja, er sehnte sich wohl nach seiner geliebten Hausfrau, Frau Ida‚ doch fehlte ihnen noch das letzte Glück, Gott hatte ihnen bis jetzt die Leibeserben versagt. Schon schrie der Bergkauz im düsteren Geheg und die letzten Strahlen der Sonne ergriffen nur noch die höchsten Gipfel der dunklen Tannenberge und die Spitze des trutzigen Turmes der Burg Falkenstein. Da knackte dürres Geäst, dem treuen Hund sträubte sich mit einem Male am starken Nacken das Fell. Knurrend und winselnd zugleich drängte er sich an seinen Herrn, als ein fremder Jäger im engsitzenden grünen Jagdwams aus dem Dunkel der Tannen trat. Er grüßte den Ritter mit hämischem Lächeln und meinte: „Ich weiß wohl, Herr Kuno, worüber Ihr nachsinnt. Schenkt mir Euere Zusage und Ihr werdet reich und mächtig sein und Euch zahlreicher Nachkommenschaft erfreuen können.” „Wer seid Ihr?” fragte der Ritter, abgestoßen von den funkelnden Augen des Fremden, die ihm heimtückisch, wie die eines reißenden Wolfes erschienen. „Der Mächtigste der Erde, ich kann all Euern Wünschen zu Willen sein" antwortete der andere. „Doch sicher nicht ohne Gegengabe von meiner Seite?” sagte der Ritter. „Nur um ein kleines unnützes Ding in dieser Welt, um Eure Seele” kicherte der Fremde und trat Ritter Kuno einen Schritt näher, indem der Hund sich aufwinselnd hinter seinen Herrn verkroch. Herr Kuno erkannte mit einem Male den Teufel in der Gestalt des fremden Jägers und schlug, all seine innere Kraft zusammenfassend, ein großes Kreuz über der unheimlichen Gestalt, worauf diese sich, aufheulend wie ein getroffenes Tier, im Dunkel des Waldes verlor.
Als bald hierauf zu einem Kreuzzug ins heilige Land aufgerufen wurde, folgte auch Ritter Kuno von Falkenstein diesem Ruf. Durch seine Teilnahme am Kreuzzug erhoffte er von Gott Segen und die ersehnten Nachkommen. So kam der Tag, daß Kuno den andern Rittern und Mannen, welche sich zum Kreuzzug in das heilige Land versprochen hatten, folgen mußte. Er umarmte sein geliebtes Weib Ida und versprach, ihr seine Treue zu halten. „Auch du” sagte er „warte meiner in Treuen sieben Jahre lang. Wenn diese vorüber sind und ich in dieser Zeit nicht heil zurückgelangt bin, so erwarte mich nicht mehr, denn dann werde ich wohl nicht mehr unter den Lebenden sein." Damit nahm er seinen Ehering und teilte ihn mit seinem Schwerte in zwei Teile, wovon er den einen Frau Ida reichte. Diese küßte ihn und barg ihn aufweinend in ihrem Gewande. Noch einmal schloß der Ritter sein geliebtes Weib in die Arme, bis er sich losriß und hinab zum Tor der Burg eilte, wo schon seine Knappen mit den ungeduldig wiehernden Pferden seiner harrten. Ein letzter Gruß von unten und ein Winken vom Söller und der Ritter war mit seinem Gefolge zwischen Felsen und Getänn verschwunden. Ein Ruf klang später fern her als letzter aus der Tiefe.
Jahre vergingen. Arbeit am Spinnrocken und Webstuhl hielten die Hände Frau Idas rege und sie öffnete sie Almosen spendend, wenn sie durch die Schlucht mit ihrem kleinen Gefolge dem zwei Meilen entfernten Kirchdorf „Kirchzarten” zuritt. Immer mehr wurde sie bedrängt, da ihr Gatte immer noch nicht vom Kriegszuge ins heilige Land zurückgekehrt war. So manchen Ritter lockte es, Gut und Land des Falkensteiners sich durch eine Heirat mit Frau Ida zu sichern. Am meisten trieb dies Johann von Schnewlin, welcher durch seine Gewalttätigkeit bekannt und gefürchtet war, mit welcher er sich so manche Burg und die hiermit verbundenen Güter anzueignen verstand. Frau Ida blieb allen Bewerbern gegenüber fest und war glücklich über das ihrem Gatten gegebene Versprechen sieben Jahre in Treue seiner zu warten.
Herr Kuno zeichnete sich in dieser Zeit durch besondere Tapferkeit im Heere der Kreuzritter beim Kampf im heiligen Lande gegen die ungläubigen Türken aus. Aber schließlich wurden die Heere doch überwältigt oder erlagen heimtückischen Seuchen. So wurde auch Kuno von Falkenstein mit den Seinen geschlagen und geriet schließlich in die Gefangenschaft des Sultans. Schwere Fron mußten die gefangenen Mannen, ob Herr oder Knecht verrichten. Gleich Zugtieren wurden sie an Rad und Pflug gespannt.
In einer Nacht, in welcher der Halbmond, gleichsam als Siegeszeichen des Landes, in dem Kuno in Gefangenschaft lag, am klaren Himmel stand und sein Licht in die enge Kerkerzelle fiel, bemerkte der Ritter plötzlich eine dunkle Gestalt neben seinem spärlichen Lager. „Herr Kuno” redete ihn diese in seiner vertrauten Heimatsprache an, „Ihr hättet besser getan mir Eure Führung anzuvertrauen‚ Ihr würdet jetzt nicht gebunden und gehalten wie ein Stück Vieh hier gefangen liegen, sondern frei und glücklich auf Eurer Burg im Kreise Eurer Familie leben.” Tief erschrocken erkannte Kuno in der Gestalt den Teufel, der ihn seiner Zeit als fremder Jäger bei der Heimkehr von der Jagd angeredet hatte. Nochmals bot ihm der Böse seine Hilfe an, ihn aus der Gefangenschaft zu lösen und glücklich in seine Heimat zurückzubringen, falls ihm der Ritter seine Seele verschreiben würde. Doch voll Schrecken und Abscheu wendete der Ritter sich von dem Bösen ab und rief die allmächtige Hilfe Gottes an. Höhnend verließ ihn der Teufel, siegesgewiß, da8 er doch noch Mittel genug hätte die Widerstandskraft des Ritters zu beugen.
Recht sonderbar kam es dem Ritter vor, daß bald darauf nach jenem Erleben in der Nacht sein Kerker geöffnet wurde, daß man ihn in den Palast des Sultans verbrachte und ihm dort Wohnung, Bad, Salböl und schöne Gewandung schenkte. In dem Garten des Beherrschers des Landes konnte er sich unter schattenden Palmen zwischen balsamisch duftenden Blüten bewegen. Einmal begegnete ihm die tiefverschleierte Tochter des Sultans. Sie sprach ihn freundlich an und machte ihm verständlich, daß ein Bewohner seines Heimatlandes ihr vieles und rühmliches von ihm und seiner edlen Ritterschaft berichtet hätte und, daß sie nun seine Gesellschaft wünsche.
Ritter Kuno hatte nun ein herrliches Leben und fand Gnade beim Sultan. Auch seinen Knappen wurde die Freiheit geschenkt.
Aber je mehr die Zeit verstrich, um so mehr erwachte auch trotz allem WohIleben in Kuno die Sehnsucht nach seiner Heimat, wo seine geliebte Gemahlin Ida sicher um ihn trauerte, denn die sieben Jahre ihrer Wartezeit mußten seiner Rechnung nach bald vorüber sein.
Einmal, in einer schönen Mondnacht, als Ritter Kuno sich im kühlen Garten seines Wohnteiles erging, erblickte er die schattenhafte Gestalt des Bösen an der Seite Fatmes, der Tochter des Sultans. Nachdem dieser Fatme verlassen hatte und im dunklen Buschwerk verschwunden war, näherte sich ihm Fatme, nachtwandlerisch wie im Traume. Das Mädchen ergriff seine Hand und bedeutete dem Ritter, daß sie ihm ihr Angesicht enthüllen wolle, das noch kein Sterblicher außer ihrem Vater erblickt hätte. Sie nahm den Schleier von ihrem Angesicht, und der Ritter erschrack ob der tiefen Schönheit des Mädchens, das sich ihm liebend ergeben wollte. Heiß wallte es in ihm auf voll unseligen Gefühles, zugleich stand aber auch die Gestalt Idas, des geliebten Weibes, vor seinen Augen, das seiner in Treue wartete. Sanft nahm er die Arme des Mädchens von den seinigen und sprach ihr von Ida, der treuliebend ihm Verbundenen. Auch von christlicher Lehre, Brauch und Sitte sprach er, und er verstand die Treue seines Weibes und das sehnsüchtige Hoffen auf seine Heimkehr so anschaulich zu schildern, daß Fatme ergriffen lauschte und mit dem Ritter zu überlegen begann, wie er die Freiheit gewinnen könne.
In nicht allzulanger Zeit gelang ein Plan, und langsam und unter allerlei Mühseligkeiten und Gefahren durch Wüstensand und wilde Tiere, oft gerade noch eine Karawane oder eine erquickende Oase erreichend, näherte sich Ritter Kuno mit seinen beiden Knappen der Heimat.
Einmal verirrten sie sich in einem endlos sich hinziehenden Wald. Keinen Ausweg schien er zu haben, und nur kümmerlich ernährt und von der Mühsal des Umherirrens ermattet, glaubten sie hier Verderben und Tod entgegen zu gehen. Die beiden Knappen murrten gegen ihren Herrn und stellten ihm vor, wie herrlich sie im Türkenlande gelebt hätten, und hier müßten sie verenden wie ein wildes Tier im Busch. Ritter Kuno ermahnte sie auf Gott zu vertrauen, welcher sie bisher aus vielen Gefahren, aus Not und Tod errettet hätte. So fanden sie auch immer wieder eine Quelle, die ihren Durst löschte oder einen Baum mit wilden Früchten, der ihnen Nahrung gab.
Mit einem Male kamen sie an eine große und unabsehbare Mauer, mitten in der Wildnis. Hohe Palmen wiegten darüber ihre Wipfel in warmem Winde und balsamische Düfte wehten ihnen von drüben entgegen. Sie glaubten nun, das verloren gegangene Paradies gefunden zu haben. Die beiden Knappen ließen sich nicht halten und erkletterten die Mauer. Kuno, von geheimem Grauen erfüllt, wollte sie zurückhalten, doch zu spät schon waren sie jenseits der Mauer verschwunden. Ritter Kuno hob seine Hände zum Gebet — und sogleich versank die Mauer und das geglaubte Paradies in einem undurchdringlichen Morast. Nun erkannte Kuno, daß alles nur Blendwerk des Teufels war. Er irrte weiter, bis er sich eines Abends erschöpft niederlegte. Da stand aber auch schon der gespenstige Jäger vor ihm, der Böse, der ihm schon einmal in dieser Gestalt erschienen war. „Herr Kuno, Ritter von Falkenstein”, höhnte er „morgen, beim ersten Hahnenschrei sind die sieben Jahre vorüber, da Ida, Euer Weib, in Treuen auf Euch warten sollte. Morgen muß sie einem anderen Eheherrn zum Altare folgen. Voll Erschrecken und Qual hörte Kuno die Botschaft und in Verzweiflung nahm er des Bösen Versprechen an, ihn, in Gestalt eines Löwen durch die Lüfte zu tragen, und ihn rechtzeitig zur Heimat zu bringen, wenn es ihm, dem Ritter gelänge, unterwegs nicht einzuschlafen. Falls er aber in Schlaf versänke, wäre seine Seele ihm zu eigen.
In seiner großen Not unterschrieb Kuno diesen Teufelspakt mit seinem Blute. In Gestalt des Löwen trug nun der Böse Kuno mit Windeseile der Heimat zu. Unterwegs fiel lähmende Müdigkeit auf den erschöpften Ritter. Doch siehe, es kam ein großer Falke, der mit weiten Schwingen über ihn herstrich und ihm den Schlaf verscheuchte. Beim ersten Hahnenschrei war das heimatliche Kirchdorf des Falkensteiners, Kirchzarten, erreicht, und der Teufel setzte den Ritter neben einem großen Steine vor der Herberge „Zum Rindsfuß” nahe der Dorfkirche ab.
Wie der Teufel bemerkt, daß des Ritters Augen weit geöffnet und schlaflos waren, entbrannte er in Wut um seines verloren gegangenen Paktes willen. Er griff zu dem Steine und wollte damit den Ritter zermalmen. Doch der Stein entglitt seinen Händen und fuhr krachend in die Ecke des Hauses, wo er heute noch eingemauert zu erblicken ist.
Inzwischen war ein alter Knecht des Falkensteiners, der in Treuen seiner Herrin Ida auf der Burg diente, zur Herberge „Zum Rindsfuß” gelangt. Er pochte den Wirt aus dem Schlaf und brachte ihm die Unheilskunde, daß seine Herrin heute einem der gefürchtetsten Ritter aus der Umgebung zum Altare folgen müsse, denn die sieben Jahre, da sie noch ihren geliebten Eheherrn erwarten konnte, wären heute vorüber, und hier, im Gasthofe, müsse der Brauttrunk und auch das Festmahl nach der Trauung in der Kirche ausgetragen werden.
Als sie noch, Knecht und Wirt, voll Schmerz über den noch nicht heimgekehrten, guten Ritter Kuno von Falkenstein und sein armes Eheweib Ida sprachen, erschütterte ein furchtbares Krachen das Haus und ein fremder Mann taumelte herein und fiel bewußtlos zur Erde. Als dieser seine Besinnung wiedergewonnen hatte und erfuhr, daß er zu Kirchzarten in seiner Heimat wäre, erhob er betend seine Hände und dankte Gott für seine wunderbare Errettung. Als Knecht und Wirt ihren Herrn, den guten, schon schwerbetrauerten Ritter Kuno von Falkenstein erkannten, fand ihre Freude kein Ende, und staunend hörten sie von den seltsamen, abenteuerlichen Begebenheiten und Bedrohungen ihres Ritters und seiner wunderbaren Errettung und Heimführung.
Als dann in der Morgenfrühe der berittene Hochzeitszug mit schmetternden Fanfaren bei der Herberge nahe der Kirche hielt und dem Brautpaar der Hochzeitstrunk zum Willkomm gereicht wurde, drängte sich Ritter Kuno heran und bat, tief in seinem Mantel verhüllt, seine Gattin um einen Schluck aus dem gereichten Pokale. Der Ritter neben Frau Ida wollte es ihm verwehren, doch Ida bat ihn, es zu gewähren, da hierdurch der Brauttrunk gesegnet würde. Kuno trank aus dem Pokal und ließ heimlich seinen halben Ehering hineinfallen. Als Ida aus dem zurückgereichten getrunken hatte, bemerke sie den halben Ring auf dem Grunde. In freudigem Erschrecken fügte sie die ihrige Hälfte, die sie immer unter dem Gewande bei sich trug, hinzu und, o Wunder, beide Ringhälften schlossen sich ineinander, als ob sie niemals getrennt gewesen wären. Ritter Kuno warf seinen Mantel rasch ab und blickte tief in die Augen seiner geliebten Gemahlin, welche ihn in freudigem Erkennen fest in ihre Arme schloß. „Hier ist mein geliebter Gatte” wandte sich nun Ida an Johann von Schnewlin. „Ich habe mein Versprechen gehalten, das ich Euch geben mußte, Euch zum Altare zu folgen, sobald die sieben Jahre des Fembleibens meines Eheherrn vorüber sind. Gott, der Allmächtige, hat aber in seiner Güte ihn mir zurückgegeben, dem ich mit großer Liebe meine Treue hielt.” Wie dann die Glocken in die Kirche zum Traualtar riefen, erfaßte sie die Hand ihres treuen Gatten und führte ihn beseligt zur neuen Segnung ihres Bundes.
Viele Jahre des Glückes, mit reicher Nachkommenschaft bedacht, erblühten dann noch dem allgeliebten Paare.
Wenn auch Geschichte und Sage verklungen sind, so spricht doch heute noch das auf dem Grabstein gemeiselte Bild in der alten Dorfkirche zu Kirchzarten von Gottesfurcht und Treue des Ritters Kuno von Falkenstein.
aus: Alt-Kirchzarten erzählt . . .
Alt-Kirchzarten in Erzählungen
nach Legende, Sage, Chronik und mündlichem Bericht von Erika Ganter-Ebert


Unsere liebe Frau von Giersberg
Nach Legende und Chronik erzählt von Erika Ganter-Ebert

Es war um das Jahr 1700.
Das Silberglöcklein der Jakobikapelle im alten Schloß Buckerütti läutete den mittäglichen Angelus und die Glocke im uralten Turm der St. Galluskirche zu Kirchzarten stimmte mit tieferem Tone ein, und all die Filialkapellen in der Runde, die des heiligen Hilarius in Ebnet, die in der Johanniskapelle in Zarten und der Schloßkapelle in Weiler, und endlich die jenseitige Michaelskapelle in Oberried, alle bimmelten mit und hatten es eilig, die Gottesmutter zu grüßen, die droben auf dem Lindenberg ihr Heiligtum hatte, dem fernen, dem man in allerlei Nöten zupilgerte. Ach, wie gern hätte man diese Stätte des Heiles näher gehabt, denn wie viel Zeiten der Heimsuchungen trafen schon das Tal, angefangen, als wilde Horden des Bauernkrieges es verwüsteten und aus der ehrwürdigen Pfarrkirche einen Pferdestall machten, bis zur Belagerung von Freiburg, die eine neue betrübte und armselige Zeit brachte. Nun läuteten und bimmelten alle Glocken und Glöcklein zu Mariens Ehr, und man faltete die Hände zum mittäglichen Gebet.
Auch der Köbli tat es, der Hüterbub vom Meier des Herrenhofes zu Buckerütti, dann streckte er sich wohlig ins Gras, oben am Hang im Schatten der ersten Fichten und Föhren des Bergwaldes. Von da aus konnte er die Kühe und Kälber des Hofes überschauen, und unten schnatterten die Gänse beim Teich, der in der warmen Sonne flimmerte, und im Morast vor dem alten Gemäuer wühlten befriedigt die Schweine. Dort, wo die Wiese noch sumpfig war, watete ein Storchenpaar, ein zappeliges Mittagsmahl für sich und die Jungen aus dem feuchten Grunde zu erhaschen, um dann die Beute dem unweit breitgelagerten Satteldach des Dorfkirchturmes zuzutragen, wo ihr Nest, lag. Das Vieh graste gemächlich und folgte still der Leitkuh‚ auf die man sich mal verlassen konnte, und so träumte der Köbli ins Blaue und dachte an seinen Namenspatron, den heiligen Jakobus, dessen Bild recht wanderfroh mit dem Pilgerstabe in der Hand aus der Nische oben über dem Tor des Herrenhauses blickte. Ja, so wollte er auch immer wandern, weit, weit, und ein Heiligtum aufsuchen, wer weiß wo, vielleicht im Heiligen Lande selber. Wie er noch so träumte, bis ihm die Augen mittagsmüde zufielen, da hörte er mit einem Male ein helles Klingen und Singen, als ob tausend Bienen um ihn summen würden, oder als ob das Silberglöcklein des heiligen Jakobus zu ihm heraufgekommen wäre. Das Tönen wurde so stark, daß er aufwachte‚ aber es kam nicht von unten aus der Kapelle, sondern oben vom Walde her, wo die Föhren standen, und es zog ihn mit aller Gewalt diesem Tönen und Klingen nachzugehen. Er kletterte den Hang zwischen den dunklen Stämmen empor, und es war ihm, als ob hier das Geläute immer stärker würde. Oben, wo sich der Stamm einer alten Föhre in stärkeres Geäst und kleineres Gezweige teilte, schien der Klang herzukommen. Ja - von dort her - Köbli mußte sich die Augen reiben, denn er wußte nicht, ob er wache, oder träume, dort in der Gabelung des Baumes befand sich ein wunderfeingeschnitzes, kleines Bildwerk der himmlischen Mutter mit dem Gotteskindlein auf dem Arme. Es war alles wirklich wie ein Traum - aber das Bild der Gottesmutter verschwand nicht und das Tönen und Klingen blieb in seinen Ohren. Er ging behutsam näher und wahrhaftig - alles blieb wie er es erblickte, und es wurde ihm gar wunderselig zumute und er mußte niederknien, um hier nochmals den Englischen Gruß an die Gottesmutter zu wiederholen.
Dann stürmte er den Berg hinab zum Herrenhof‚ wo unten bei der großen Einfahrtshalle, aus der die holzgeschnitzte Treppe nach oben führte, die große Gesindestube lag. Doch, wie Köbli auf der herabgelassenen Zugbrücke am großen Tor angekommen war, hemmte er seinen Schritt. Nein - keiner würde ihm glauben, was er gehört und gesehen hatte - und vielleicht hatte er doch nur alles geträumt ? - Die gemeinsame Abendsuppe, bei der sonst Köbli auf jeden Löffel achtete, schluckte er nur so hinter und nach dem Dankgebet eilte er nach außen, um mit dem selbstgebundenen Reisigbesen die gepflasterte Innenhalle des Hauses zu säubern, denn das war seine Aufgabe. Morgen an „Unserer Lieben Frauen Tag”, da ritt die Herrschaft, wie an allen Sonn- und Feiertagen zum Hochamt in die St. Galluskirche, beim ersten Glockenton verließ man stets die Halle. Eine Viertelstunde lang mußte geläutet werden, so lange brauchte der Ritt zur Kirche. Ja, er wußte es genau, denn zuweilen mußte er mit den Pferden die Herrschaft nach dem Gottesdienste vor der schönen Säulenhalle am Südtor der Kirche erwarten. Er ärgerte sich nur immer über die Totenfratze, welche dort an der Ecksäule angebracht war, um dem Totengräber die vorgeschriebene Tiefe der Gräber anzugeben. Einmal streckte er ihr heimlich die Zunge heraus. Er beichtete es zwar danach, da sie doch an heiligem. Orte angebracht war.
Als nun besonders sauber gekehrt war, huschte der Bub nochmals zum Tor hinaus. Das Vieh war im Stall und oben beim Walde war es kirchenstill. - Doch nein, da war das Klingen und feine Tönen wieder und als Köbli mit klopfendem Herzen bei der Föhre stand, war es ihm, als spräche eine Stimme aus dem Baume: „Bete - bete, denn hier soll die Mutter unseres Herrn besondere Verehrung finden, und Gnade und Hilfe in der Not wird jeder Betende gewinnen”. – Ja - Köbli hatte es deutlich gehört -und um das Bildnis in der Föhre war ein milder Schein. -
Wenn morgen die fromme Herrschaft zur Kirche reitet, wird er sich ein Herz fassen und ihr von dem wundersamen Erleben berichten.
Köbli konnte die ganze Nacht kein Auge schließen. Am anderen Morgen, als die Pferde säuberlich gestriegelt und ordentlich gesattelt für die Herrschaft zum Ritt in die Kirche in die Halle geführt wurden, versteckte sich Köbli, um auf sie zu warten. Neben dem Eingang zur Jakobikapelle war dort eine tiefe Mauernische. Hier drückte er sich fest an die kleine Holztüre, die den Abstieg zu einem schmalen Gang versperrte‚ der, wie man sagte, in wehrhafter Zeit unterirdisch zur Brandenburg geführt hätte. Wie der Herr und die Dame die Treppe zur Halle hinabstiegen, eilte ihnen Köbli entgegen. „I bitt schön”‚ stieß es aus ihm heraus, dem hochwürdigen Herrn Leutpriester zu vermelden, daß die heilige Muttergottes im Giersbergwald oben Verehrung haben möcht.” Ungläubig lächelten beide, aber der Herr tröstete: „Büblein‚ du wirst mir sagen, wo das sein soll, dann werden wir schon weitersehen”.
Und so kam es, wie viele Jahre danach der Talvogt Peter Busset zu Kirchzarten in seiner Chronik um 1740 berichtete: „Es war am Weg ein Fören-Baum, der anstatt des Bildstocks dastund und diente; in diesem Baum war ein kleines Muttergottesbildlein, lieblich anzusehen, es war eine Kniebank davor, wo ein und anderer Maria-Diener sein Gebet davor verrichtete. Es gingen auch vorüber Krüppelhafte, Presthafte, welche auch alle ihr Gebet verrichtet, sie bekamen Hilfe durch Maria und wurden gesund, dieses war kundbar an allen Orten.”
Zehn Jahre waren nach diesem Geschehen dahingegangen, seitdem die „neue Wallfahrt” zum Unterschied der „alten” auf dem Lindenberg entstanden war.
Köbli ist auf dem Herrenhof der „Brigitti”, wie im Volksmund Buckerütti genannt wurde, geblieben. Er hat es nicht mehr für nötig gehalten, eine Pilgerfahrt in die Ferne zu machen, sondern ist ein treuer Hüter der heiligen Mutter auf dem „Girschberg” geworden.
Seit kurzem weilt im Schloß Buckerütti ein Gast, dem Köbli besonders zugetan war. Es war Laurentius Rost von Eichsfeld, ein junger Edelmann aus dem Mainzer Gebiet.
An einem frühen Herbstmorgen, als vom Wald oben die Hörner zu frischem Jagen riefen, hielt der Jungknecht Köbli dem Junker die Bügel, als er zu Roß stieg. Der Talvogt Hug von Hugenstein zu Kirchzarten hätte ihn geladen, meinte Junker Laurentius fröhlich. „Herr", drauf der Köbli, „wenn am Abend nach fröhlichem Jagen bei guter Laune die Becher kreisen, bringt es dem Talvogt bei, daß er doch endlich verlauben möge, daß die mit einem heiligen Gelübde versprochene Bergkapelle für „Unsere Lieben Frau im Föhrenbaum“ gebaut werden darf. Seht, Herr, schon einmal war ein schreckliches Feuer im Dorf, das sicher alles in Schutt und Asche gelegt hätte, wenn nicht nach einem Verspruch eine Kapelle auf dem „Girschberg“ zu bauen, das Feuer wie durch ein Wunder zum Verlöschen gekommen wäre, aber danach, als es allen wieder gut ging, waren bald Verspruch und Kapelle wieder vergessen.” „Ein Versprechen an die Gottesmutter muß man halten”, meinte drauf der Junker. „Ja, und so kam es”, eiferte der Köbli, „daß bald darauf eine schrecklich grassierende Viehseuche ausgebrochen ist im ganzen Dorf. Auch hier auf dem Herrenhof kamen etliche Stück Vieh um. Wieder hat man die Gottesmutter angerufen und die Kapelle versprochen und erhielt Hilfe, aber nun ist es der Talvogt, der dagegen ist, daß eine Kapelle gebaut wird. Er scheint mit dem Herrgott zu hadern, der ihm seine gute Ehefrau dahinsterben ließ." „Ich will versuchen den Herrn umzustimmen, guter Freund”, sagte Junker Laurentius. Er klopfte Köbli freundlich auf die Schulter und ritt bei frohem Hörnerklang mit der Herrschaft aus dem Tore.
Bei der Abendkühle dieses Tages schritt Gertrudis, die Tochter des Talvogtes Hug von Hugenstein, langsam den Giersberg hinauf. Manchmal stützte sie sich auf die leichter dahinschreitende Zofe, die sie begleitete. „Rastet ein wenig, Fräulein”, meinte diese zuweilen. Sie war um die junge Herrin besorgt, die, wie deren früh dahingeschiedene Mutter, von zarter Gesundheit war. „Es geht schon, gute Hanna”, antwortete das Fräulein, „hier oben zwischen den Föhren weht solch würzige Luft, man atmet leicht im Wald Unserer Lieben Frau. Ach, daß mein Vater sie auch verehren und lieben könnte, die Gottesmutter, sein unbeugsamer, harter Sinn würde sich ändern und er selber würde Trost und Hilfe finden.” „So ist es, Fräulein, und man murrt schon da und dort, daß Seiner Liebden, der Herr Talvogt, nicht zugeben will, daß die versprochene Kapelle über dem Föhrenbaum Unserer Lieben Frau gebaut wird, man fürchtet schon wieder neu hereinbrechendes Unheil”, seufzte Hanna.
Ein Hornruf vom Wald her schreckte Gertrudis von der schmalen Kniebank vor dem heiligen Baume auf, wohin sie sich begeben hatte. War es schon so spät geworden und kehrte der Vater von der Jagd zurück? Sie hatte nicht bemerkt, daß Junker Laurentius sein federgeschmücktes Barett abnehmend und zum Gebet sich neigend in einiger Entfernung sich hinter sie gestellt hatte. Wie er aufblickte, schritt sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand, denn sie erkannte in ihm den Gast ihres Vaters. „Erfreut Euch auch dieses Heiligtum?” meinte sie, „schon reichen Trost und Hilfe haben viele, wie auch ich, hier gefunden. Besonders gern suche ich es auf, seitdem meine Mutter nicht mehr auf dieser Erde weilt.” „Ich verstehe Euch, Fräulein, und ich weiß auch um Euern Kummer, da Euer Herr Vater nicht zugeben will, daß die versprochene Kapelle für „Unsere Liebe Frau“ hier erbaut werden darf.” „Ihr wißt dies schon, Junker?” „Ja”, antwortete Laurentius, „und ich wünschte es in meiner Macht zu haben, die Kapelle bauen zu können, gern möchte ich das Meinige dazusteuern.” „Auch ich”, sagte Gertrudis, „und viele wollen es im Dorf.” „Dann wird, so Gott will, unser Plan gelingen”, sagte zuversichtlich der Junker.
Der Jagdtroß des Talvogtes über die Waldhöhe kommend, näherte sich. „Heute Abend schon will ich beim frohen Austrunk im Talschloß bei Eurem Vater einen Vorstoß für unseren allgemeinen Wunsch tun. Darf ich Euch dann wiedersehen und guten Bescheid bringen, Fräulein?"
„Ach, wie oft schon bin ich mit dieser Bitte abgewiesen worden”, antwortete Gertrudis traurig. „So hoffen wir auf den Fürspruch und die Hilfe Unserer Lieben Frau selber”, meinte guten Mutes der Junker. Er neigte sich vor dem heiligen Bild und grüßte Gertrudis zum Abschied, denn Hanna, welche etwas entfernt geblieben war, kam und reichte ihren Arm dem Fräulein, um es sorgsam den Berg hinabzuführen.
Aber der Talvogt verharrte unbeugsam auf seinem Willen, als Junker Laurentius ihn in einem geeigneten Augenblick persönlich ob dem Kapellenbau-Versprechen anreden konnte. „Wozu sollte eine Kapelle gebaut werden? Hat denn nicht jahrelang der Bildstock auf dem Giersberg seine Beter gefunden?” Beinahe wäre es bei dem fröhlichen Abtrunk in dem Talschloß zu Kirchzarten zwischen dem Vogt und dem Junker zu einem harten Wortstreit gekommen, wenn nicht letzterer um des Fräuleins willen sich schließlich zurückgehalten hätte.
Längere Zeit, als er es vorhatte, blieb Laurentius von Rost in Buckerütti zu Gast und schon neigte sich das Jahr seinem Ende zu. Die Buchen und Eichen trugen die späten Farben des Herbstes, nur die ernsten Föhren und Fichten auf dem Giersberg hatten treulich ihr immergrünes Gewand. Der Junker traf sich gern mit Gertrudis, für welche er inniges Mitleid, ja ehrfürchtige Liebe im Herzen barg. Als er von ihr schied, versprach er im folgenden Jahr wiederzukommen.
Es war ein harter Winter wie selten. Schwere Schneelast lag auf den ausgedehnten Wäldern und brachte manchen Schaden. Der Hartung des neuen Jahres führte klirrenden Frost. Als im Hornung die Kälte nachließ, hofften alle auf das Kommen der nun besseren Jahreszeit. Aber vergebens, bis in den Maien hinein wollte die Sonne nicht einen beständigen Schein geben. In der Talvogtei kam kein frohes Leben auf. Der Vogt saß im pelzgefütterten Hausrock fröstelnd am Kamin. Ein schweres Augenleiden hatte ihn befallen. Kein Bader und kein Medicus unter den vielen gelehrten Herren der nahen Stadt Freiburg konnte ihm Erleichterung bei seinen Schmerzen verschaffen, und eine völlige Erblindung drohte seinem Augenlicht. Getrudis saß, so viel das eigene Befinden es ihr gestattete, geduldig an seiner Seite. Alles, was sie selber für den Vater verrichten konnte, tat sie und unterdrückte jede selbstsüchtige Klage.
Eines Tages im Maien konnten die Fenster geöffnet werden. Nach langer Zeit lag erster warmer Sonnenschein über Berg und Tal und milde warme Luft strömte in die Stube, in der das Kaminfeuer erloschen war. Gertrudis stellte einen Krug mit dem frischen Grün junger Zweige auf den Tisch. Wohl konnte sie der Vater nicht sehen, doch sollte er ihren herben und belebenden Duft verspüren. Ach, wie hatte sie oben bei der Marienföhre die Gottesmutter angefleht zu helfen, damit der Vater sich ihr zuwenden möge in seinem schmerzvollen Leiden.
Der Talvogt, dessen kranke Augen mit einer Binde verhüllt waren, wandte sich seiner Tochter zu, als er ihre Schritte vernahm.
„Gertrudis, du kommst von oben, vom Giersberg, ich verspüre es. Es ist wie eine warme Welle, die mich durchrieselt und zu neuem Leben erwecken will. Gertrudis, führe mich hinauf zum Föhrenbaum, vielleicht kann nur noch von dorther mir Linderung werden.” „Mit Freuden, lieber Vater”‚ rief Gertrudis bewegt.
Zwei Pferde wurden gesattelt, ein Knecht führte das des Vogtes und man ritt durch den frühlingsfrohen Tag gen Buckerütti und von da nach oben. Der junge Köbli, der den Pflug durch die feuchte Erde der letzten schattenwärts gelegenen Äcker zog, staunte nicht wenig, als er den Vogt, der monatelang das Talschloß nicht verlassen hatte, neben dem Fräulein zur Höhe reiten sah. Er hielt einen Augenblick in seinem Werken still, bekreuzigte sich und sprach ein kräftiges Gebet, daß dem schwerleidenden Herrn Hilfe geschenkt werden möge, denn er ahnte, daß dieser seinen Weg zur Gebetsstätte vor dem Föhrenbaum nehmen würde.
Mit frohem, neuem Mut kehrte der Talvogt von oben, dem Giersberg, zurück. Die Nacht schenkte ihm nach großer Ermüdung stärkenden Schlaf, der Morgen ein schmerzfreies Erwachen und neue Frische. Die kommenden Tage brachten sichtliche Erleichterung. Täglich wandte er seine Augen zu Maria, der Gottesmutter und bat sie um Hilfe. Sie wurde ihm gewährt und er selber veranlaßte nun, daß mit dem Bau der Kapelle begonnen werden solle, und er war von da ab behilflich und besorgt Mariens Ehre zu fördern.
Schon im kommenden Monat, es war im Heuet 1710, war eine kleine hölzerne Kapelle fertiggestellt worden. Der Talvogt hatte den Bau mit Eile betrieben, dessen Beendigung seine Tochter sehnsüchtig erwartete. Ihr heißer Wunsch war, das Gnadenbild selber in der Kapelle bergen zu dürfen. Aber je frischer der Vater sich fühlte, desto müder und schwächer wurde sie, und zuletzt konnte sie nicht mehr das Lager verlassen.
Es war nun der vierzehnte des Heumondes, da die von der Gemeinde Kirchzarten auf ihrem Allmendebesitz auf der Anhöhe des Giersbergs errichteten Kapelle eingeweiht werden sollte. Der Dekan des Kapitels Freiburg, Herr Johann Jakob Brenzinger und so manche angesehenen Gäste waren eigens hierzu herbeigekommen. Auch Junker Laurentius vom Eichsfelde, wie er versprochen hatte. Gertrudis streckte ihm von ihrem Lager aus freudig ihre Hände entgegen, als er in ihr Gemach trat. „Unsere Liebe Frau hat uns erhört, der Vater ist heil an Leib und Seele, und heute wird das Bildnis der Gottesmutter die versprochene Heimstatt finden!” „Aber Ihr seid krank, Fräulein”, der Junker konnte kaum seiner Tränen sich erwehren. „Die Gottesmutter hat mein Opfer angenommen - aber heute fühle ich mich so froh und frisch”, sagte lächelnd Gertrudis, „daß ich zur Gnadenstätte gebracht werden kann und vielleicht darf ich sogar, von Euch und allen geleitet, das Gnadenbild selber in die Kapelle bringen.
So war es dann, die Kapelle auf dem Giersberg wurde eingeweiht und freudig besucht von allen, die sie gewünscht und ersehnt hatten.
Das Fräulein wurde sichtlich schwächer, und als Junker Laurentius bemerkte, daß seine Nähe ihr wohltat, verblieb er noch länger, um, wenn er gerufen würde, an ihrem Lager erscheinen zu können.
Einmal erwartete ihn Gertrudis besonders sehnsüchtig. „Laßt mich nun endlich aussprechen, was mir noch auf dem Herzen liegt, Herr Laurentius”, flüsterte sie. „Vergeßt niemals „unsere Liebe Frau“, ja werdet ein Hüter ihrer Gnadenstätte auf dem Giersberg.” „Ich will es, so Gott mir helfe”, antwortete der Junker und kniete, seine Hände zum Gebet faltend, vor ihrem Lager nieder.
Nach dem Hinscheiden des Fräuleins ließ Junker Laurentius allerlei Einkünfte seiner Güter der Kapelle „Unserer Lieben Frau auf dem Giersberg” zukommen und hatte immer ein waches Auge auf das kleine Heiligtum.
Es waren über zwanzig Jahre vergangen, seitdem die erste Giersbergkapelle eingeweiht worden war. Um allerlei Streitigkeiten, die zwischen dem neuen Talvogt, dem Pfarrer und der Gemeinde um die rechtmäßige Führung der Kapelle entstanden waren, abzuhelfen, entschloß sich Herr Laurentius Rost von Eichsfeld, sein Versprechen, das er dem Fräulein gegeben hatte, nun im tiefsten und wahrsten Sinne zu erfüllen. Er ließ sein ganzes Vermögen „Unserer Lieben Frau auf dem Giersberg” zufließen und verpflichtete sich, ihr dort als einfacher Kapellenbruder zu dienen. So kam es dann, daß 1737 „dem um die Wallfahrt hochverdienten Kapellenbruder Lorenz Rost”, wie er sich nun bescheiden nannte, das Heiligtum der Gemeinde der Sankt Galluskirche unter der Bedingung übergeben wurde, daß darin „alle Wochen von Ostern bis Weihnachten fürderhin, ja bis zum Untergang der Welt”, die heilige Messe für sie gelesen werden solle. Der Pfarrer Joh. Bapt. Molitor (1714 - 1724 in Kirchzarten) und der neue Talvogt Franz Anton Gehr anerkannten und genehmigten diese „Cession”.
Sie gestatteten auch gleichzeitig die Restauration und die Erweiterung der Kapelle.
Anstelle der baufälligen, hölzernen wurde nun eine größere aus Stein erbaut, auch ein Bruderhaus daneben errichtet.
Die Föhre mit dem Gnadenbildnis wurde kunstvoll in den neuen Altar eingefügt.
Köbli‚ der auf Buckerütti, der später im Volksmund genannten „Brigitti”‚ bis zu seinem Tode verblieb, erlebte es noch, daß sein hochverehrter Herr Junker Laurentius als einfacher Kapellenbruder dem Heiligtum auf dem Giersberg diente. Niemals mehr zog es ihn in die Ferne. Er hatte die Gnadenstätte Unserer Lieben Frau gefunden, an der in friedlichen, wie im wirren Lauf der Zeiten viel Segen und Hilfe sich kundtat - und so Gott will wird es so fürderhin sein - bis zum Ende aller Erdentage.
aus: Alt-Kirchzarten erzählt . . .
Alt-Kirchzarten in Erzählungen
nach Legende, Sage, Chronik und mündlichem Bericht von Erika Ganter-Ebert

Der Pfaff-Salesi
Anekdoten aus seinem Leben berichtet von Erika Ganter-Ebert

Ja, der Salesi war wirklich „e B’sunderer” und die Gemeinde Kirchzarten hat gutgetan, indem sie ihm auch ein besonderes Denkmal setzte. Sein Holzbildnis durch die sachkundige Hand Gerhards von Ruckteschell steht auf einer kleinen Brunnenmauer am „Pfaffeneck”‚ wo sich mitten im Dorf die Straßen kreuzen und wo er, der Salesi, nahe seinem Hof einst seine gewichtigen Reden geschwungen hat.
Ganz so, wie er dasteht, mit der seine Zuhörer in Bann haltenden erhobenen Hand, mit der Zipfelmütze auf dem Kopf, dem aus der rechten Hosentasche heraushängenden „Sacktuechzipfel”, mit den Holzschuhen an den Füßen, ganz so muß er ausgesehen haben, der Salesi, und hierzu denke man sich noch seine Donnerstimme, die seinem Namen „Pfaff” alle Ehre machte. Schon als kleiner „Knäckis” war er nicht auf den Kopf gefallen. Überall hatte er seine Augen und Ohren, wenn irgendwo etwas los war. Besonders imponierten ihm die Feuerwehrmänner, die damaligen „Pumpier”. Doch einmal erregte den kleinen unbeachteten Lauscher eine Auseinandersetzung gewiegter Feuerwehrmänner vor einem Festzug. Es galt einige im Alter vorgeschrittene Männer, die ihnen nicht mehr zu einem strammen Marsch zu festlich schmetternden Trompeten fähig schienen, mit irgend einem ehrenhaften Posten zu betreuen. „Jee i waiß, was mer wenn”, sagte einer der gewichtigsten Männer. „Mer len se als Melder vum Kirchdurm aus funktionieren, wenn die Zartener, Buechebächer und die vu de andere Däler zum Fescht arucke. Jeder kriegt derzu e Stange mit nem Schtrauwisch dra, dann hen mer se abgschaufelt."
Das hat aber dem kleinen Salesi schwer zu denken gegeben. Er hat hinter den gewichtigen „Pumpiers” seine Faust geballt und gerufen: „Sell waiß i, wenn i emol alt bin, no laß imit nit uf de Kirchdurm schperre, selle kenner ei merke!”
Als der Salesi vor nun hundert Jahren, 1864, das Licht der Welt erblickte, verband die Eisenbahn schon ein Jahrzehnt lang das südliche Freiburg mit der nördlicher gelegenen Residenz Karlsruhe. In die Seitentäler des Schwarzwaldes, wo kühne Felsdurchbrüche und schwungvolle Brücken gebaut werden mußten, konnte sie erst später gelangen. Der Salesi und sein Bruder, der Seppli, den man sich immer als seinen beständigen Begleiter dazudenken muß, haben dieses noch erlebt.
Beide waren tüchtige Landwirte. Da ein Stück ihres Ackerlandes auch an die neue Durchfahrtslinie der Eisenbahn grenzte, so hatten nicht nur sie sondern auch ihre Kühe als Vorspann vor den Wagen sich mit dem Dasein des unheimlich schnaubenden Dampfrosses, das nun durch das Tal fauchte, abzufinden.
Einmal, als der Salesi mit dem Seppli und den Kühen auf dem Acker nahe dem Bahngleis waren, wären sie beinahe mit dem herannahenden Ungetüm in einen wilden Streit geraten. Als die sonst lammfrommen Kühe das unheimliche Wesen, die Lokomotive, heranbrausen sahen, stiegen sie hoch. Salesi hätte es diesen am liebsten gleichgetan. In großer Angst und voll Verzweiflung rief er die Hilfe der Gnadenmutter auf dem fern vor ihnen liegenden Lindenberg an. Sepple, der im Gegensatz zu seinem Bruder Salesi die Geruhsamkeit selber war, dem aber die Natur ein Hemmnis in der Sprache gesetzt hatte, packte mit fester Faust das erregtgewordene Gespann und sagte ruhig: „Rief doch d-d-d Muedergottis vom Gi-Gi-Gierschberg a - die isch näher!”
Auf der Landstraße und im Dorf ging es damals noch gemächlich zu. Öfter hat man das Brüderpaar, den Salesi und den Seppli mit ihren klappernden Holzschuhen hinterm Graswägele mit dem Öchsle davor, einhertrotten sehen, nichts war da, welches die arbeitsmüden Brüder hätte stören oder aus der Ruhe bringen können. Wenn es aber dem Öchslein einmal beliebte stehen zu bleiben, so taten es die beiden „Schdradege” auch - alle machten eine Verschnaufpause bis das Öchsle wieder anzog. - Das muß man sich heute einmal vorstellen - !
Abends ging man dann gern zum „Noochber”, das waren die „Krummholze", und die „Wäbers”. Dort war's nicht nur gemütlich auf der Ofenbank zu sitzen, man fand da auch de „Friburger Bott" un d"Friburger Dagesposcht”. Nie war es aber der Fall, daß der Seppli zusammen mit dem Salesi „z’ ‚Nochbere’ gange isch”. Kam er später, so vergewisserte sich der Seppli erst ob der Bruder nicht schon da wäre. Er streckte gewöhnlich den Kopf durch die Türspalte, nahm sein „Pfiffle” aus dem Mund und fragte: „Bi-bi-bi scho do?” Und war dies der Fall, so zog er sich eiligst wieder zurück und meinte: „’s dohlt ka-ka-kai zwo G-i-Gi-Gigel uf a-a-aim Hof!” So blieb der Friede gewahrt.
An Festtagen war der Salesi immer in erster Reihe. Besonders festlich wurde der Herrgottstag (Fronleichnam) gefeiert. Die Dorfstraße glich dann einem frischgrünen Buchenwalde und die ländlichen Häuser sahen fröhlich in ihrem bunten Bänder- und Blumenschmuck aus. Ein Ereignis war aber immer die jährlich sich ändernde Figurengruppe „an's Pfaffe Schiire”, welche eine Darstellung aus dem Heilsgeschehen der Bibel brachte. Nachmittags nach der feierlichen Vesper, als man Zeit fand, gemächlich die geschmückten Häuser und Straßen zu betrachten, gabs gewöhnlich einen großen Auflauf am Pfaffeneck. Dort stand der Salesi mit erhobener Hand und erklärte mit weitvernehmbarer Stimme das bildliche Gleichnis aus der Heiligen Schrift und wußte alles so anschaulich auszulegen, daß sogar der Pfarrherr selber erschien, um sich an seinem Kollegen im Laiengewande zu erbauen. Weniger erfreulich schien dieses Salesis Schwesternpaar zu sein, der Karline und der Fränz. Sie taten sich fast zu Tode schämen, daß der Salesi ein so großes Aufheben von ihrer Figurengruppe machte. Jedesmal, wenn wieder Salesi die von ihnen gefürchtete große Rede halten wollte, versprachen sie ihm den größten Kuchen zu backen, wenn er diesmal schweigen wolle. Aber selbst die von ihm so beliebte Süßigkeit konnte ihm nicht den Mund verschließen.
An der „Fasnet” mit ihren zahlreichen geschmückten Wagen beim festlichen Zug durch das Dorf und den Darstellungen aus Sage und Geschichte auf dem Kirchplatz bei dem Rathaus, war der Salesi jeweils der vorderste Mann. Meistens spielte er die Rolle des Talvogtes, wobei er sich bemühte, sich in bestem Hochdeutsch auszudrücken. Als einmal der Durchzug der bräutlichen Fürstentochter Marie Antoinette zur Darstellung kam, begrüßte sie Salesi mit den gewichtigen Worten: „Ich bin der Vogt des Dales!” Und als er hörte, daß sie sich nun weiter nach Freiburg in das altrenommierte Gasthaus „Zum Kopf” begeben wolle, gab er ihr den Rat, in Kirchzarten zu bleiben, da es hier noch größere Köpfe gäbe.
Daß es auch in der sogenannten „guten alten Zeit” Lausbubenstreiche gegeben hat, zeigte sich auch in Kirchzarten‚ und wie überall werden ja gerade hierfür solche Persönlichkeiten ausgesucht, die wie der Salesi in der Öffentlichkeit eine gewisse Rolle spielen.
Die obere Stufe von Pfaffes Haustür war seiner Zeit etwas abgelaufen, so daß sich zwischen Stufe und Türe immer mehr eine kleine Öffnung bildete, die, wenn sie groß genug ist, gern von Hühnern oder Katzen benutzt wird, um in das Innere des Hauses zu gelangen. Dieses lockte nun tatsächlich ein paar Lausbuben, sich in nicht sehr anständiger Weise zu betätigen, und der Brunnen neben dem Hause mußte noch das Seinige hinzutun. Als nun beinahe ein kleines Bächlein sich durch die Türlucke durch den Hausgang hinab bis zur „Kuchi” bewegte, ja, sein Rinnsal sich schon in diese hineinschlängelte und seinen Weg nach Salesis in Schtrauschuhen steckenden Füßen nahm, sprang dieser wie von einer Viper gestochen auf. Er rannte nach dem Ausgang, suchte nach dem vermeintlichen Täter und brüllte: „So e Sauhund! — So e Sauhund! — Was so e Sauhund nit fertig bringt!” - Seppli, der ihm langsam gefolgt war, meinte zwar zu diesem Tatbestand: „Se-sesell isch ka-ka-kai Hund gsi, der sa-sa-saicht nur a-a-paar Spritzer. Se-sesell sind Lu-Lu-Lusbuebe gsi!” Diese hatten sich aber schleunigst hinters „Nochbers” Gartenzaun verzogen und lachten sich ins Fäustchen.
Einen nicht geringen Schrecken erlebte einmal der Salesi in einer stockfinsteren Nacht als er hörte, daß eine unheimliche Hand außen im Hausgang entlang strich und, daß dann heftig an seiner verschlossenen Zimmertüre gerüttelt wurde. Entsetzt sprang er aus seinem Bett, riß das Fenster auf und brüllte in die Stille der Mitternacht hinaus mit seiner mächtigen Baßstimme: „Ihr Nachbarn, zu Hilfe! Räuber, Mörder, Diebe im Hause! O, hätte ich ein Schwert!” Als nun die hilfsbereite Nachbarschaft mit Laternen, Stöcken, Beilen, oder was man sonst gerade erwischen konnte, herbeigeeilt war, zeigte sich der selber tieferschrockene „Räuber” als der „alte Salesi”, ein Mitbewohner des Hauses, der nächtlicherweise eine gewisse Tür aufsuchte und - wie es so gehen kann - an eine verkehrte geraten ist. Er, der ohne Lug und Trug war, unser Salesi, konnte aber zuweilen auch einmal boshaft werden, besonders, wenn es sich um „Dratschwieber” handelte. Von diesen sagte er: „Wenn selle mol schterbe, derno mueß mer ne ’s Mulwerk no extra mit ’nem Schlappe dotschlage”.
Der Pfifli-Geischt
„Heiner”‚ so sagte der Salesi zu seinem viel jüngeren Freund. „Los, was ich d'r sage will. Du bisch au einer, der gern in d’Bücher nieluegt, merk ders guet, under mim Bett liege se - leng se d'r, wenn mi Zit do isch.” Ja, der Salesi war ein Bücherwurm und die Heimatgeschichte und die Sagen der Gegend kannte er wie kaum einer. Über jeden Geisterspuk wußte er Bescheid, wo einer gehen muß, weil er den Grenzstein verrückt hat, oder wo eine andere Untat in Gestalt eines schwarzen Hundes oder in der einer Katze mit feurigen Augen gebüßt werden muß, alles wußte er.
Aber einmal geschah es, daß er selber vor einem Gespenst Reißaus genommen hat, und wie das kam, hat er seinem jungen Freund, dem Heiner, berichtet.
Eines Abends spät begab sich der Salesi nach seinem Wiesengrundstück‚ das nicht weit vom Engenwald beim Bruggabach lag. Er war nämlich an der Reihe, am andern Tag das Bruggawasser seiner Matte zuleiten zu dürfen. Nun geschah es aber dann und wann, daß ein sogenannter „Wasserdieb” diesem Recht zuvorkam, was gewöhnlich nächtlicherweise geschah. Um nun einem solchen Falle vorzubeugen und einem eventuellen Dieb sein Handwerk zu legen, hatte sich Salesi entschlossen, auf seiner Wiese die Nacht über Wache zu halten.
Es war eine stürmische Nacht. Der Wind brauste durch die Wipfel des Engenwaldes, und dunkle Wolken jagten über die helle Scheibe des Mondes, so daß sich willkürliche Schatten über die weitgebreitete Matte bewegten. Salesi hatte sich neben einem Weidenbusch am Rande der Brugga niedergelassen. Er steckte sich seine Pfeife an, seine ständige treue Begleiterin‚ was ihm eine gewisse gemütliche Sicherheit verschaffte. Er schmauchte und zog regelmäßig an seiner Pfeife. So verging einige Zeit, in der nichts Besonderes geschah. Auch hörte man nichts außer dem zeitweiligen Aufheulen des Sturmes, oder das gleichmäßige Rauschen der Brugga. Die Dorfkirchenuhr zeigte nun mit ihrem Doppelschlag die mitternächtliche Stunde an. Die Mitternacht hat doch immer „so ebbes Bsunderes” dachte nun Salesi bei sich, dabei zog er immer kräftiger an seiner Pfeife, was ihm jedesmal neue Beruhigung schenkte. Aber - was war das nun auf einmal? - In seiner allernächsten Umgebung hörte er ein unheimliches Geräusch. Es war wie ein Gurgeln - es kam und ging, mal rascher, mal langsamer. Er sah sich um - nichts war zu sehen. Ob er wollte oder nicht, alle Gespenstergeschichten fielen ihm mit einem Male ein und umtanzten seinen Geist in spukhaftem Reigen. Der kalte Schweiß brach ihm aus. Auch sein gutes Pfifle konnte ihm nicht mehr helfen, es war ausgegangen und er hatte keine Lust mehr es wieder anzuzünden. Er hatte es satt, das nächtliche Wachehalten und man kann nicht wissen - ja man kann nicht wissen, ob vielleicht auch hier etwas nicht ganz geheuer ist - und keine Ruhe findet? Er steckte rasch seine Pfeife ein und machte sich auf die Beine und lief und lief, so rasch er laufen konnte und sah nicht mehr um, bis er glücklich vor seiner Haustüre stand, den Schlüssel unter ihr hervorgezogen, sie aufgeschlossen und hinter sich wieder fest zugeschlossen hatte. Nun atmete er auf. Aber zu Bett gehen und schlafen, das konnte er noch nicht. Er schlich sich in die Wohnstube und zündete die Lampe an - was für einen guten Schein die gab! - Aber jetzt noch ein „Chrisiwässerli” und ’s Pfifli wieder angesteckt, dann „ka’s si, daß mer wieder bienander isch”. - Wie der Salesi auf der Ofenbank sitzt, seine Pfeife anzündet und so recht zufrieden einen tiefen Zug macht, da wär ihm fast das Pfeifle aus dem Mund gefallen - denn ’s het widder gurgelt! - Aber mit einem Male merkt er - „sel war jo im Pfifesäckli drinne”. Im Pfeifensäcklein, das unten an der Pfeife hing, hat sich das dort gesammelte Wasser bei jedem Zug, den er aus der Pfeife tat, den Gurgelton hervorgerufen. Ja, jetzt war's ihm klar „wo dr Geischt g’hockt isch”.
Manches wäre wohl noch aus den Lebenstagen unseres Salesi zu berichten und selbst sein letzter war von einiger Bedeutung.
Es war im Februar 1929, der sich durch besonderen starken Frost hervorhob. Da ging Salesi, wie er es gewöhnlich tat des morgens früh zur Kirche. Nach dem heiligen Opfer sah er draußen auf dem Gottesacker wie der Totengräber mit großer Mühe und Anstrengung ein Grab aushob, denn durch die ungewöhnliche starke Kälte war die Erde ein Meter tief gefroren. „Karle!” - rief ihn Salesi an - „des tät i jetzt dem Dodegräber nit z’leid, jetzt z’schterbe!” -
Doch das lag nicht in seiner Macht, noch am selben Tage erlag der Salesi einem Herzschlage, in seinem 65ten Lebensjahr. Das nächste Grab mußte für ihn ausgehoben werden.
Ja - man muß es schon sagen, der Salesi „isch e Bsunderer gsi”!
aus: Alt-Kirchzarten erzählt . . .
Alt-Kirchzarten in Erzählungen
nach Legende, Sage, Chronik und mündlichem Bericht von Erika Ganter-Ebert

Die Brigitti-Hex
Alt-Kirchzartener Sage nach mündlichem Bericht von Erika Ganter-Ebert.

Vor langer, langer Zeit war da mal ein Hirtenbüble, welches das Vieh vom Matthießlehof hütete. Als es wieder einmal oben auf der Matte nahe dem Giersbergwald beim Hüten war und kurz vor dem Heimtrieb der letzte Abendschein auf den Bergen lag, da raschelte es im nahen Hag und ein uraltes Weiblein auf einen Krückstock gestützt huschte aus dem Dickicht. Dem Büblein kam dieses Weiblein recht „bsunders” vor. Es kannte es nicht und es konnte doch alle Leute vom Tal und den umliegenden Höhen mit Namen nennen, schon vom Sonntag in der Dorfkirche her und von den großen Markttagen davor. Das Weiblein trug auch eine uralte Tracht, wie sie keiner mehr im Dorf und im Tal oder in den einsam verstreutliegenden Gehöften an den Berghängen trug. Es bückte sich da und dort, als ob es etwas Verlorengegangenes suchen wolle oder schob mit seinem Krückstock lose Steine zur Seite. Als es dann bald wieder verschwunden war und das Vieh unruhig wurde und sich zum Heimgang zusammendrängte, führte das Büblein es zum Hof hinab und hatte auch bald die seltsame Erscheinung vergessen.
Da ihm aber immer wieder das sonderbare Weiblein zur Abendzeit beim ersten Schrei des Waldkauzes auf einem bestimmten Weg begegnete und nach kurzer Zeit spurlos verschwand, wurde es dem sonst recht kecken Buben doch etwas gruselig zumute, und unten im Hof berichtete er dem Buer was er gesehen und erlauscht hatte. Der kratzte sich am Kopf, räusperte sich und meinte: „I rat dr wohl, loß sel Wieble in Rueh, sell duet dir nix und du solsch’m au nix due.”
Wenn dann der Bube von da ab das Weible dann und wann erblickte, verhielt er sich ruhig und ließ es ungeschoren seines Weges gehen, es war ihm aber auch, wie gesagt, immer etwas gruselig bei der Sache.
Jahre waren vergangen. Das Hirtenbüble ist ein großer starker Bursch geworden und ein tüchtiger Metzgergeselle obendrein. Da kam er wieder einmal in die Heimat, das Dreisamtal, zurück. Er umging es auch nicht, den inzwischen altgewordenen Matthießlebuer in seinem Hof in Höfen aufzusuchen. „Was isch au aus dem bsunder Wieble wore? - Laufts no de Weg vo früher?”‚ so fragte er den Alten, als sie gegen Abend bei einem „Veschperle” mit Most und Räucherspeck saßen. „S’wird halt immer noch umgehe mieße” - meinte dieser - „bis alles büßt isch, was es bosget het.”
Bald, als es vom Höllental her schon kühl geweht hat, ist der Bursche aufgebrochen. - Er ist aber nicht dem Dorf Kirchzarten zugegangen, sondern, weil es ein schöner Sommerabend war, hat er seinen Weg zum Mättle hinauf nach dem Giersbergwald genommen. Im Wald war es schon dämmerig und der Abendwind rauschte leise in den dunklen Tannenwipfeln. – Da - der Schrei eines Waldkauzes brachte ihm die Erinnerung an das „bsundere Wieble” seiner Hüterbubenjahre wieder. „He, heda, du Kruckili, bisch du noch do?”, rief er keck- „kumm jetz numme, jetz, gruselts mer’s nimme, jetz nimis mit’r uf!” Kaum gerufen, fuhr ein kalter Windstoß daher und das gerufene Weiblein stand hart vor ihm. Dem aber war vor Schrecken Hören und Sehen vergangen.
Erst am anderen Morgen früh, als es Betzeit läutete, fand er sich beim letzten Glockenschlag wieder beieinander, doch er lag unten in der „Brigitti” mit den Beinen im Sumpf, dort wo einst das uralte Wasserschloß Buckerütti stand und jetzt noch das Hofgut Birkenreute zu sehen ist.
Zum Matthießlebuer ist er dann nicht mehr gegangen - und wenn er sein Abenteuer mit dem gespenstigen Wieble nicht einmal im alten Gasthof „Zum Rindsfuß”, jetzt „Fortuna”, bei einem „Viertele” zum Besten gegeben hätte, wüßten wir von dieser Begebenheit nichts.
Ob das Weiblein heute noch geistern muß, weiß ich nicht. Doch das ist sicher - in den Köpfen der Kirchzartener spukt es immer noch, denn alljährlich nach der „Fasnet” wird die „Brigitti-Hex” als Strohpuppe zur Gaudi von allen verbrannt - und, man sollte es nicht glauben -  die „Häxe”, ihre Gefolgschaft, sind eine ehrbare Fasnet-Zunft geworden.
aus: Alt-Kirchzarten erzählt . . .
Alt-Kirchzarten in Erzählungen
nach Legende, Sage, Chronik und mündlichem Bericht von Erika Ganter-Ebert


Marie Antoinettes Reise durch das Höllental
Eine heitere Erzählung nach mündlichen Bericht
von Erika Ganter-Ebert
Dort, wo noch vor Zeiten der Rotbach als ein wahrer Höllenbach durch die wilde Felsenschlucht des Höllentales sich ungestüm einen Weg bahnte und wo nur ein schmaler Saumpfad mit aller Vorsicht begangen werden konnte, herrschte früh im Jahre 1770 ein unheimliches Treiben. Mit mächtigem Getöse fielen altersgraue, von Efeu wild umwucherte Felsen, berstend auseinander, und gaben so einen breiteren Durchgang durch das enge Felsenlabyrinth frei. Die geheimen Schlupfwinkel einstiger Wegelagerer waren schon früher verschwunden, aber jetzt mußte eine durchfahrtssichere und genügend breite Straße angelegt werden. Ja, dieses war notwendig, denn von der kaiserlichen Residenz in Wien waren zur Durchfahrt der fünfzehnjährigen Erzherzogin Marie Antoinette‚ der jungen Braut des Dauphin und späteren Königs Ludwigs des XVI.ten von Frankreich, sechzig Karossen gemeldet worden. Und so werkten und fronten die in der Umgegend und auf den einsamen Höhen wohnenden Bauern, wie schon fünfzehn Jahre zuvor, als man den schmalen Fußsteig fahrbar machte. Diesmal tat man es mit geheimer Freude, denn das muß ein wahres Spektakel geben, wenn die prunkvollen Hofkarossen mit dem Doppeladler darauf durch ihr einsames Felsental den Weg nehmen werden. So wurde denn die Fahrstraße verbreitert und die tiefer zum Höllenbach abfallenden, gefährlichsten Stellen der Schlucht mit Geländern versehen, die mit dem fröhlichen Rot und Weiß des Freiburger Stadtwappens angestrichen waren.
In der Stadt Freiburg wurden schon große Vorbereitungen getroffen, denn die junge Prinzessin sollte zum Abschied vom heimatlichen Boden mit allen Freuden des Daseins umgeben werden.
An einem frühen Morgen im Mai, der Feldberg trug noch seine Schneekrone, fuhr das junge Fürstenkind noch etwas müde von den über eine Woche lang dauernden Abschiedsfeierlichkeiten in Wien und den mütterlichen Ermahnungen und den Vorbereitungen, die für eine zukünftige Königin von Frankreich notwendig waren, durch den frischgrünen Schwarzwald. Hier, wo in das ungestüme Rauschen des Wildbaches sich der erste Laut der Vögel mischte und eine herbfrische Morgenluft alle eingenickten Schläfer erwachen ließ, zog Marie Antoinette den seidenen Vorhang des Karossenfensters zurück und es öffnend atmete sie die würzige Luft tief ein. Sie stieß sachte die noch immer im Morgenschlafe in die Polster zurückgesunkene Oberhofmeisterin von Paar an und flüsterte der erwachenden den Wunsch zu, hier, in diesem romantischen Schwarzwaldtale eine kurze Rast machen zu dürfen, um vielleicht ein kleines Picknick halten zu können. Die Oberhofmeisterin lächelte etwas verlegen, denn eigentlich war vor Erreichung der „viellieben” Stadt Freiburg kein Aufenthalt so kurz vor diesem Ziele vorgesehen. Aber sie wolle versuchen, ob der Wunsch zu einer kleinen Rast, sich hier in dem ihr etwas wild und unwirtlich erscheinenden Tal arrangieren ließe. Die Prinzessin klatschte kindlich froh in die Hände, sprang von ihrem Polstersitze auf, so daß von ihrer hochgetürmten, von dem aus Paris extra nach Wien beorderten Coiffeur aufgebauten Frisur, eine leichte Puderwelle herniederrieselte. Sie schüttelte ihre Reisekleidung zurecht, welch der Robe einer Schäferin auf einem Watteaubilde glich, und nickte so freundlich der, neben der kaiserlichen Karosse reitenden Ordonanz zu, daß man den fürstlichen Wunsch eiligst nach vorne gab. Es wurde nach einem einigermaßen entsprechenden Ort und Ruheplatz gefragt, und man erfuhr, daß sich nicht mehr weit ein stattlicher Hof erreichen ließe, an dem auch gewöhnlich die Postfuhre und die spärlichen Reisewagen halten würden.
Die nicht an solchen Umtrieb gewöhnten, wackeren Leute des Hofes waren glücklicherweise schon früh auf, denn man lebte etwas in Unruhe und Spannung auf das große Ereignis, der Durchfahrt der kaiserlichen Karossen und Equipagen, die man erwartete. Als man erfuhr, daß die Prinzessin ein kleines Frühstück im Hofe einnehmen wolle, legte eiligst die Posthalterin selber ihre feinste selbstgesponnene mit eingewebter Borte versehene Linnendecke auf den Tisch der Nebenstube, in welcher gewöhnlich die vornehmeren Reisenden Platz nahmen. Aus dem kunstvoll geschnitzten und gemalten Spinde in der sogenannten guten Stube entnahm sie das feine Kaffeeservice, ein wahrhaft fürstliches Geschenk, das sie zu ihrer Hochzeit erhalten hatte und stellte es sorgsam auf den gedeckten Tisch.
Der Kaffee brodelte schon und brauchte nur in die Kanne gegossen werden, als die ersten Vorreiter ansichtig wurden. Gebäck aus Wien könne der Proviantierung entnommen werden, war die Kunde. Ein feines strohgeflochtenes Körbchen stand hierfür bereit.
Da stürzte der Nachbar, der Jöcklisbuer, mit seinem Knecht herbei. Es sei eine große Wasserlache vor dem Hause, und die hochfürstliche Prinzessin könne doch nicht mit ihren feinen goldenen oder seidenen Schühlein da hindurchgehen. Der Knecht war ein ganz gescheiter, einer, der sozusagen „das Gras wachsen hört”. Er rannte in der Posthalterin bessere Stube und zog dort den großen Teppich unter dem Tisch und Kanapee hervor und eilte damit zu dem durch das Schneewasser aufgequollenen Vorplatz, diesen damit zu bedecken. Aber, o weh, der Teppich war doch zu kurz und reichte nicht zu dem Wege, wo die Kaiserliche Karosse halten würde. Aber der Jöcklisknecht wußte neuen Rat. Er holte aus dem Nebenzimmer die große pelzgefütterte Reisedecke, die dort über einer Holztruhe lag und welche ein vornehmer, reicher Ausländer liegenließ und bisher nicht wieder abgeholt hatte. Aber immer noch nicht reichte die nebeneinander gebreitete Bedeckung bis zu der erwähnten Stelle aus. Eine dritte Decke wäre mindestens notwendig gewesen. „Oha”, sagte der Jöcklisknecht. „Jetz weiß i, was mer wenn, isch d’Prinzessin über de erschde Deppich gloffe, ziege mer’n weg und leg’n derno widder vorne dra.” So war die Sache abgemacht, aber ganz glatt ist sie danach nicht abgelaufen. Als der, mit dem Doppeladler geschmückten kaiserlichen Hofkarosse die liebreizende Prinzessin in ihrer Schäferrobe entstieg, dem kurzen himmelblauseidenen Jupe und dem à la polonaise gerafften rosigen Überkleide mit dem schmalen Mieder und dem tiefen Decolte, dazu das wippende Blumenhütchen auf der hohen Frisur, da hätte beinahe vor lauter Staunen die ganze Teppichlegerei versagt. „Oha”, sagte wieder der Jöcklisknecht. Dann boxte er den Buer in die Rippen und rief: „Hü - hott‘, jetz numme los!” Er und der Bauer packten mit festen Fäusten den ersten Teppich und legten ihn vor den Tritt der Karosse und schnell die große Pelzdecke davor. Aber, weiß der Himmel, da war das Hühnergatter schon offen und ein aufgescheuchtes Huhn, man weiß ja wie so Hühner sind, lief laut gackernd über die ausländische Decke, auf der sie noch - o Schreck - etwas hinterließ, der Decke, welche gerade das prinzeßliche Seidenschühlein betreten wollte, und da auch der Haushahn hinterher sein Kikeriki trompetete, das war für die Teppichleger zu viel. Sie zogen den ersten Teppich, um ihn wieder eiligst vor den zweiten zu legen, zu früh weg, indem der spitze Absatz eines Prinzessinnenschuhes ihn noch nicht verlassen hatte, so kam es, daß die Prinzessin auf ihre Knie fiel und dem verdutzten Wirt zuerst ihre Reverenz machte. Was aber dem Faß den Boden ausschlug war, daß dem Jöcklisknecht sein üblicher Verlegenheitsausruf herausfuhr, indem er dem Bauern zurief: „Jetz hemer aber e Sau uffghebt !".
Ja, das war alles zu viel. Aber schon war die Prinzessin mit Hilfe der beherzten Posthalterin, welche in ihrer schönen Tracht mit der seidenen Schürze herbeigeeilt war, wieder aufgesprungen und sie lachte und lachte und umhalste die behäbige Helferin bis der Bann gebrochen war und alle, bis auf die steifen Hofschranzen neben der kaiserlichen Karosse, mitlachten. „So a Gaudi, so a Gaudi !”, rief die Prinzessin lustig aus, hätte sie in ihrem Leben noch nicht gehabt und würde sie wohl auch nie mehr erleben. So wurde denn eine recht fröhliche Frühstückspause in der morgenfrischen Waldschlucht des Höllentales gehalten.
aus: Alt-Kirchzarten erzählt . . .
Alt-Kirchzarten in Erzählungen
nach Legende, Sage, Chronik und mündlichem Bericht von Erika Ganter-Ebert