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Inhaltsverzeichnis
Richard Mühe
Schwarzwälder Uhren
1. Die Anfänge
Wieso die
Schwarzwälder mit der Uhrmacherei begannen, läßt sich auf
verschiedene Weise deuten, doch nicht zwingend erklären. Auf jeden
Fall konnten sie mit Holz umgehen und waren gewohnt, alle
möglichen Gegenstände aus Holz herzustellen. Zudem hatten sie
genügend Holz zur Verfügung, wenngleich in den höheren Lagen über
900 Metern, wo die Uhrmacherei hauptsächlich betrieben wurde,
nicht unbedingt das für Uhren geeignete Obstbaumholz. Doch konnte
man das für die Uhrmacherei notwendige Rohmaterial leicht aus
tieferen Gegenden beschaffen und hatte zudem Buchen- und
Fichtenholz für die Gestelle und Zifferblätter zur Verfügung.
Auch die Erfindung der Uhr geht keineswegs auf den Schwarzwald
zurück. Vielmehr haben Schwarzwälder Bauernabkömmlinge die Uhren
anderswo kennengelernt und sie in einfacher Weise aus Holz
produziert. Der Verkauf erstreckte sich bald auf nahezu ganz
Europa. In wenigen Jahrzehnten erzielte man einen so erstaunlichen
Produktionszuwachs, daß der ganze Markt von einfachen Uhren
praktisch durch die Schwarzwälder beherrscht wurde. Sie hatten
sich dafür auf den Geschmack der Abnehmerländer eingestellt und
konnten ihre Uhren durch Vereinfachung schon bekannter
Konstruktionen sehr rationell herstellen. So fertigte anfangs ein
Uhrmacher etwa eine Uhr in der Woche, während er hundert Jahre
später auf eine Uhr pro Tag kam. Als Häusler konnte er seine Uhren
verhältnismäßig preiswert anbieten, da er die nötigsten
Lebensmittel auf seinem „Kuhteil“ ernten konnte.
Beim Uhrmacher handelte es sich demnach nicht um den Bauern, der
auf seinem Hof seßhaft war und das nötige Auskommen hatte, sondern
um Abkömmlinge des Bauern. Die hatten zuvor auswandern, Soldaten
sein oder als Knechte auf dem Hof des jüngsten Bruders arbeiten
müssen. Dieser „Hofengel“ erhielt den elterlichen Hof, damit die
Erbfolge des ungeteilten Anwesens möglichst spät auf den
Nachfahren überging.

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Kalenderuhr mit hölzernem Geh- und Schlagwerk,
Metallanker und Metallankerrad. Schwarzwald um 1775. H.:
64 cm.
(Foto: Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen) |
Das Uhrmachergebiet erstreckt sich über ein Gebiet von etwa 40 km
im Durchmesser mit dem Kloster St. Peter als wichtigem
Ausgangsort. St. Peter war gleichzeitig Amtsort, während es sich
weiter nördlich bis Triberg als einem zweiten Bezirksmittelpunkt
ausdehnte. Im wesentlichen beherbergte dieser Teil des badischen
Hochschwarzwalds die frühe Uhrmacherei. Furtwangen liegt im
geographischen Zentrum dieses Gebiets, dort kreuzen sich an der
„Kalten Herberge“ ein Ostwest- und ein Nordsüdweg über den
Schwarzwald. Für den Uhrenhandel war das eine besonders günstige
Lage. Deshalb entstand hier auch das Zentrum der Uhrmacherei mit
der „Großherzoglich Badischen Uhrenmacherschule“.
Als Uhrmacherwerkstatt diente die Wohnstube des Uhrmacherhauses,
in der die Familienmitglieder, vielleicht auch ein Lehrling, an
der Uhrenproduktion arbeiteten. Die Stube, zum Licht orientiert,
war zugleich Wohn- und Arbeitsraum des hausgewerblichen
Uhrmachers. Der wirkliche Beginn der Uhrmacherei geht auf das
frühe 18. Jahrhundert zurück, als zum Ende des spanischen
Erbfolgekriegs 1715 nach Jahrzehnten der Unruhe eine Beruhigung
des Schwarzwaldes eintrat. Unter den besonderen Werkzeugen finden
wir den Zahnstuhl zum maschinellen Zahnen der Räder. Anfänglich
hatte man das wohl ganz von Hand gemacht. Bohrgeschirre dienten
zum Herstellen der Laternentriebe. Mit verschiedenen
Kleinwerkzeugen wurde beispielsweise auch der „Schwarzwälder
Blechanker“ gebogen, eine Vereinfachung des aufwendigen massiven
Graham-Ankers der englischen Uhren, der im Schwarzwald durch einen
gebogenen Blechstreifen ersetzt wurde.
Von den ersten Schwarzwälder Holzuhren sind keine Originale
erhalten geblieben. Auf nachgebauten Uhren findet man häufig die
Jahreszahl 1640, die sich jedoch historisch nicht belegen läßt.
Wann die ersten Uhren im Schwarzwald gefertigt wurden, ist bis
heute noch nicht endgültig geklärt. Umstritten bleibt auch, ob
eine einfache Eisenuhr in Holz nachgebaut wurde oder ob eine
auswärtige Holzuhr als Vorbild gedient hat. Die beiden
Frühchronisten der Schwarzwalduhr, der Benediktinerpater Franz
Steyrer (1796) und der Pfarrer Markus Fidelis Jäck (1810)
widersprechen sich. Steyrer nennt die Gebrüder Kreuz auf dem
Glashof, die bereits vor 1667 als erste „Waag- oder Unruhuhren aus
Holz“ gebaut haben sollen. Nach Jäck hingegen brachte ein
Glasträger „in den 80er Jahren des 17. Jahrhunderts eine hölzerne
Stundenuhr von seiner Handelsreise mit nach Hause“. Aus beiden
Quellen geht jedoch hervor, daß anfangs Glasproduktion und
Uhrmacherei eng verbunden waren. Holzuhrmacherei gab es damals an
vielen Orten Mitteleuropas, in den USA wurden noch in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts Holzwerke gefertigt. Bereits 1590
belieferte ein Drechsler aus Urach den württembergischen Hof mit
Holzuhren. Auch in verschiedenen Schweizer Kantonen läßt sich
Holzuhrenbau nachweisen. Doch nur der Schwarzwald lieferte große
Stückzahlen hölzerner Uhren für den Weltmarkt.
Die erste Produktionsperiode der Schwarzwalduhr, etwa von 1670 bis
1720, blieb ohne größere Bedeutung, zumal der hohe Schwarzwald in
den Konflikten zwischen Österreich und Frankreich um 1700
Kriegsschauplatz war. Der entscheidende zweite
Entwicklungsabschnitt begann 1720, und wenige Jahrzehnte danach
war das Uhrengewerbe im hohen Schwarzwald etabliert. Häufig wird
angenommen, angeborene Fähigkeiten der „Wälderkünstler“ in
Verbindung mit Kenntnis der Holzverarbeitung hätten gleichsam von
selbst zur wachsenden Uhrenproduktion hingeführt. Schon 1847
jedoch wendet sich ein Sachkenner gegen die These, „als habe sich
das Uhrengeschäft des Schwarzwaldes ohne alle gelehrte Anleitung
bis zu seinem jetzigen Umfang entwickelt“ und betont die
entscheidende Mitwirkung der Schwarzwälder Klöster.
Gelegentlich unterschätzt wird auch der Anteil qualifizierter
Schwarzwälder Holzhandwerker an der frühen Entwicklung: Simon
Henninger, ein Pionier der Frühphase, war Kübler. Sein Zeitgenosse
Lorenz Frey, genannt Hackbretterlenz, war Schreiner und
Musikinstrumentenbauer. Noch mehr gilt diese Unterschätzung für
die Zeit nach 1720. Die beiden wichtigsten Initiatoren, Simon
Dilger (1671-1750) und Franz Ketterer (1676-1753), der
Treyerfranz, übten den Drechslerberuf aus. Und in einem Triberger
Gewerbeverzeichnis werden 1749 Drechsler und Holzuhrmacher noch in
einer Berufsgruppe ausgewiesen.
2. Fortschritte im Uhrenbau
Unbeschadet der
offenen Herkunftsfrage ähnelten die frühesten Schwarzwälder Uhren
den einfachen eisernen Wanduhren, die als Wächter- und
Türmeruhren damals bekannt waren. Für das Uhrwerk wurden nur
zwei Materialien benötigt, Holz sowie Eisendraht, der seit dem
Spätmittelalter gängiger Handelsartikel war. Hölzerne Radwellen
liefen in hölzernen Platinen Die Laufdauer dieser Uhren betrug
höchstens 12 Stunden, und als Antrieb diente wohl ein Feldstein an
einer Schnur mit kleinem Gegengewicht. Relativ früh verwendete man
auch schon Glasgewichte, die in den Schwarzwälder Glashütten
hergestellt worden waren. Nach und nach wurden in der
Schwarzwälder Uhrenfertigung hölzerne Bauteile durch metallene
ersetzt, allerdings mit einer Ausnahme: die Holzgestelle mit
hölzernen Trägerplatten hat man beibehalten, sie kennzeichnen auch
noch die nach altem Muster weitergebaute Fabrikuhr des 20.
Jahrhunderts. Einfache Draht-Holz-Kombinationen haben manchmal
technische Funktionen erfüllt, für die andernorts massive
Metallteile gebraucht wurden. Die großen hölzernen Zahnräder
griffen in drahtbestückte Hohltriebe ein. Das Ganze war ein
robustes und dauerhaftes System.
In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden hölzerne Zahnräder
durch Messingräder ersetzt, recht früh schon das Hemmungsrad, spät
erst die wenig beanspruchten Zahnräder des Zeigerwerks. Die
metallenen Radrohlinge bezog man ursprünglich aus Nürnberg und
Solothurn, vom 19. Jahrhundert an haben Schwarzwälder Gießereien
den Bedarf auch an Glockenguß gedeckt. Schon ab 1780 wurden
Uhrenglocken nach England und Holland exportiert. An die Stelle
der zerbrechlichen Glasglöckchen der frühen Schlagwerks- und
Spieluhren traten im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts
Metallglocken und nach 1830 Tonfedern. Wesentlich beeinflußt wurde
der Übergang vom Holzwerk zum Holz-Messing-Werk und später zum
Metallwerk durch konstruktive Veränderungen, vor allem beim System
von Gangregler und Hemmung. Waaguhren mit Spindelhemmung wurden im
Schwarzwald noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
gebaut, Uhren mit Vorderpendel etwa zwischen 1740 und 1820. Uhren
mit längerem Schwerkraftpendel, im 19. Jahrhundert die Normalform,
kamen zuerst nach 1750 auf. Dieses Nebeneinander verschiedener
Bauformen erschwert eine Datierung älterer Schwarzwalduhren, zumal
jeder Uhrmacher seine Besonderheiten und tradierten Varianten
lange beibehalten hat. Nach frühen Quellen hat anfangs, als die
Räder mit dem Zirkel ausgemessen und die Zähne einzeln
ausgeschnitten werden mußten, der Uhrmacher etwa eine Woche an
einer normalen Uhr gearbeitet. Um 1780 hingegen konnten zwei
Personen in
einer Woche 10 derartige Uhren herstellen. Noch 1840/50 galt die
Faustregel, daß drei Personen (Meister, Geselle, Lehrling) in der
Woche 18 Uhren ähnlicher Art produzierten, etwa eine Uhr pro
Person am Tag.
Diese Angaben lassen erkennen, daß der entscheidende
Produktivitätsfortschritt bereits im 18. Jahrhundert erfolgte.
Zwei Erfindungen hatten wesentlichen Anteil daran: Zahnstuhl und
Spindelbohrer. Der Zahnstuhl, die Schwarzwälder sprachen auch vom
Räderschneidzeug oder vom Zahngeschirr, erlaubte durch Kombination
von Teilscheibe und Schneidwerkzeug die Automatisierung der
zeitraubenden Zahnradherstellung. Der Spindelbohrer, in der
Schwarzwälder Uhrmachersprache Bohrgeschirr genannt, war für die
exakte Anfertigung der Laternentriebe besonders nützlich.
Produktions-technisch mußten die einzelnen Drahtstücke oder
Triebstöcke genau kreisförmig und achsparallel in die begrenzenden
runden Holzscheibchen eingebracht werden. Der Spindelbohrer wurde
um 1780 von Thaddäus Rinderle, Benediktinermönch und Professor für
Mathematik an der Universität Freiburg, perfektioniert. Eine
Arbeit, die vordem viel Geschicklichkeit erfordert hatte, konnte
nunmehr schneller, präziser und zudem noch einfacher durchgeführt
werden.
Auch die Grundzüge der Arbeitsteilung in der Uhrmacherei bildeten
sich bereits im 18. Jahrhundert heraus. Klassische Nebengewerbler
waren die Gestellmacher, die Schildmacher, die Gießer und die
Werkzeugmacher. Stark zugenommen hat im 19. Jahrhundert die Gruppe
der Schildmaler, deren Einkommen oft über dem der Uhrmacher lag.
Neu hinzugekommen sind später die Uhrkettenmacher, die
Tonfedermacher und die Räderdreher, welche die Rohlinge aus den
Gießhütten glatt gedreht haben. Das Räderzahnen hingegen blieb
Aufgabe der Uhrmacher. Die Relation zwischen Uhrmachern im engeren
Sinn und Nebengewerblern betrug um 1840 zwei zu eins.
Im Schwarzwald wurden vor 1850 nahezu ausschließlich Uhren mit
Gewichtsantrieb und hölzernen Platinen gebaut. Nach den Werkgrößen
unterschied man die normal große Schwarzwalduhr, die mittelgroße
Schottenuhr und die kleine Jockeleuhr. Eine seltenere Neustädter
Spezialität waren die kleinsten Schwarzwälder Uhrwerke der
Sorgührchen. Die ersten Schottenuhren soll Johann Dilger (gest.
1780) auf dem Schottenhof bei Neustadt gebaut haben. Der Name
Jockeleuhren geht zurück auf Jacob („Jockele“) Herbstrieth aus
Hinterzarten, der um 1790 diese kleinen Wanduhren fertigte. Die
Sorgührchen wurden von der Uhrmacherfamilie Sorg in Neustadt
vermutlich um 1820 zuerst produziert. Hinsichtlich der Laufdauer
unterschied man um 1840 die 12-Stunden-Uhr, die „übersetzte“
24-Stunden-Uhr und die 8-Tage-Uhr, deren Produktionszentrum in
Furtwangen lag. Im Material reichte die Palette von der „ganz
hölzernen“ über die „halbmessingne“ (Zahnräder teils Holz, teils
Messing), die „holzgespindelte“ (Messingzahnräder auf Holzachsen)
bis zur „metallenen Uhr mit massiven Getrieben“ (metallene
Massivtriebe, Zahnräder und Achsen aus Metall). Etwa 50% der
Gesamtproduktion entfielen vor der Mitte des 19. Jahrhunderts auf
die große 24-Stunden-Uhr mit Holzlackschild und Schlagwerk, die
zum Kennzeichen der hausgewerblichen Uhrmacherei des Schwarzwaldes
wurde. Im Jahre 1838 kostete die 12-stündige halbmessingne Uhr 1
Gulden und 12 Kreuzer (Händlerpreis), die 24-Stunden-Uhr mit
Schlagwerk 2 bis 3 Gulden. Für holzgespindelte 8-Tage-Uhren mit
Glockenschlag erlöste der Uhrmacher 4 Gulden und 24 Kreuzer.
1871/73 entsprach 1 Gulden dem Betrag von 1,71 Mark. Für die
damals modernsten Schwarzwalduhren mit Tonfeder statt Glocke und
Gewichtsketten statt Schnüren wurden etwas höhere Preise erzielt.
3. Hausgewerbe und Uhrenhandel
Historiker
lassen offen, was mehr Beachtung verdient, die von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt wachsende Uhrenproduktion des Schwarzwaldes oder die Art
und Weise, wie diese Uhren beinahe in aller Welt abgesetzt wurden.
Nach 1810 hat man im Schwarzwald jährlich 150.000 bis 200.000
Uhren hergestellt, nach 1840 gegen 600.000. Eine Zusammenfassung
der verschiedenen Einzelangaben ergibt, daß in den 40er Jahren des
19. Jahrhunderts etwa 5.000 Personen hauptberuflich Uhren und
Zubehörteile gefertigt haben. In aller Welt waren weit über 1 000
Uhrenhändler tätig. Kennzeichnend für die hier beschriebene
Epoche vor 1850 war die hausgewerbliche Produktion in kleinen
Werkstätten, meist in der Wohnstube. Man rechnet durchschnittlich
auf einen Meister 1 bis 2 hauptberufliche Hilfskräfte, hinzu kamen
mithelfende Familienmitglieder. Im Schwarzwald gab es keine
verbindliche Zunftverfassung, Meister nannte sich jeder, der
selbständig Uhren oder Zubehörteile produziert hat. Dabei waren
vom Handwerk übernommene Begriffe wie Lehrvertrag und Lehrgeld
oder Geselle und Lehrling üblich.

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Barockschilduhr. Holzgestell mit
holzgespindelten Metallrädern. Gehwerk, Schlagwerk,
Musikwerk mit Stiftwalze auf 8 Metallglocken (Carillon).
Von Matthias Faller geschnitzt. Um 1790. H.: 43 cm. (Foto:
Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen) |
Wesentlichen Anteil an der Stabilität des Uhrmachergewerbes hatte
die Landwirtschaft als Nebenerwerb. Einige Stück Vieh und der
Anbau von Kartoffeln sicherten die Ernährung. So erscheint es
wenig sinnvoll, von „Bauernuhrmachern“ zu sprechen. Die
Schwarzwälder Uhrmacher waren in der Regel nicht Landwirte und
zugleich Uhrenproduzenten, sondern sie befaßten sich
hauptberuflich mit der Uhrmacherei. Die erste Expansionsphase des
Schwarzwälder Uhrenhandels schildert 1810 Pfarrer Jäck: „Je zwei
oder drei vereinigen sich zu einer Societät à conto meta – bei
gleicher Teilung von Gewinn und Verlust – kaufen einige hundert
Uhren, reisen ins Innere des zum Handel gewählten Landes, nehmen
noch überdies Unterhändler unter dem Namen Uhrenknechte mit, und
ließen sich ihre Waren mittels Spedition nachschicken. Im Lande
selbst verteilen sich dann die Händler mit ihren Knechten, nachdem
sie sich einen Zentral- oder Stapelort gewählt hatten,
durchstreifen hierauf zur Marktzeit nicht nur Städte und Flecken,
sondern durchwandern auch einzelne Dörfer und Gegenden, wo sie,
ein Pack Uhren auf dem Rücken, eine unter dem Arm, ihre Waren
feilboten. So erhielten in den drei Dezennien 1740, 1750, 1760
Europas merkwürdigste Länder und Provinzen kleine Uhrenhändler
Colonien aus dem Schwarzwald“.
Das Leben dieser ambulanten Händler war anstrengend, voller
Entbehrungen und zudem risikoreich, denn alle wußten, ein
Hausierer hat Bargeld. In den Kirchenbüchern sind ihre Schicksale
verzeichnet, viele Notizen über Todesnachrichten aus England,
Polen, Ungarn, Frankreich, Rußland, Spanien. Eine amtliche
Erhebung weist 1842 Schwarzwälder Uhrenhändler in 4 Weltteilen und
23 europäischen Ländern nach. Der wachsende Geschäftsumfang
führte zu Zoll- und Transportproblemen. Noch gewichtiger war, daß
der auswärtige Händler ein Sortiment verschiedenartiger Uhren
benötigte, während der Uhrmacher sich in seiner Produktion meist
auf wenige Modelle spezialisiert hatte. So entstand ein neues
Aufgabenfeld für Großhändler oder „Spediteurs“, im Volksmund
„Packer“ genannt. Sie haben im Auftrag der Uhrenhändler oder auf
eigene Rechnung die Sendungen zusammengestellt und in Kisten
verpackt, die sie zuvor durch Käufe bei verschiedenen Uhrmachern
und Schildmalern erworben hatten. Ein Schönenbacher Uhrenpacker
versandte zwischen 1821 und 1846 mehr als 21.000 Uhren nach
Hamburg und London. 155 Uhrmacher und 83 Schildmaler, 16
Spieluhrmacher und 5 Glockengießer belieferten ihn. Von den 112
selbständigen Uhrmachern Furtwangens versandten 1841 nur 9 ihre
Uhren direkt. Zwischen Uhrmachern und Packern gab es ständig
Spannungen, denn viele Uhrmacher fühlten sich von den
wirtschaftlich stärkeren Packern ausgebeutet. Sicherlich waren oft
Klagen gerechtfertigt, weil statt Bargeldzahlungen häufig
Rohstoffe und Lebensmittel zu überhöhten Preisen verrechnet
wurden. Doch ohne diese Zwischenhändler hätte das Verkaufssystem
nicht funktioniert. Und so blieben den Schwarzwäldern
Ausbeutungsformen, wie sie in anderen Gegenden verbreitet waren,
meist erspart. Der einzelne Uhrmacher behielt weitgehend seine
Selbständigkeit.
Der Schwarzwald versorgte Europa mit robusten und konkurrenzlos
billigen Gebrauchsuhren. Wichtig für den Verkauf war auch das
Äußere der Uhren. Vor 1770 hatten die Schwarzwälder Uhren meist
einfache rechteckige Holzschilder, anfangs nur mit einem
Stundenblatt und Stundenzeiger. Als die Uhren genauer gingen, kam
ein eigenes Zifferblatt für die Viertelstunden hinzu. Mit
Einführung der Ankerhemmung setzte sich die heute noch geläufige
Verwendung von Stunden- und Minutenzeiger durch. Nach 1740 wurden
die Holzschilder durch aufgeklebte und mit Wasserfarben kolorierte
Kupferstichdruck dekoriert. Alte Holzschilder sind jedoch noch
weitaus seltener erhalten geblieben als alte Holzwerke, denn schon
im 18. Jahrhundert wurden schadhafte oder unmodern gewordene
Blätter ausgetauscht, sofern das Werk noch seinen Dienst tat.
Künstlerisch wertvolle geschnitzte Schilder im Barockstil schuf
der Bildhauer Matthias Faller (1707-1791). Diese „Fallerschilder“,
auch wenn sie nicht aus der Werkstatt des Meisters kamen, wurden
meist für höherwertige Uhren verwendet, besonders für
astronomische Uhren oder Spieluhren. Der Grundton dieser Schilder
ist hellfarben oder rot, die Ränder wurden in Faßmalerei
vergoldet, das ist eine goldene Einfassung des Schildes.
Nach 1770 kam die quadratische Grundform des Schildes mit
aufgesetztem halbkreisförmigen Schildbogen auf, der die Glocke
dahinter verdecken sollte. Der vom Zifferblatt nicht beanspruchte
freie Raum in den Ecken, vor allem der Schildbogen, wurde mit
Malerei ausgeschmückt. Etwa dreißig Jahre lang haben die
Schwarzwälder experimentiert, ehe sie die ansprechende und
dauerhafte Gestaltung dieser Schilder beherrschten. Dann wurde die
Schildmalerei zu einem blühenden Gewerbe mit künstlerischem
Anspruch. Noch der berühmte Maler Hans Thoma (1839-1924) fertigte
in seiner Jugendzeit Uhrenschilder in dieser Art. Die
Lackschilduhr blieb während des 19. Jahrhunderts stellenweise
beliebt, anderswo zeichnete sich vor 1850 ein Geschmackswandel ab.
Diesen Tendenzen des Marktes mußten sich die Schwarzwälder
anpassen. Rahmenuhren mit kleinem Emailzifferblatt und geprägten
Metallschildern sowie Landschafts- oder Personenbilder hinter Glas
waren einigermaßen erfolgreich. Die kleinen Schwarzwalduhren
wurden nach 1850 oft mit Porzellanschildern ausgestattet. Dieser
Spätphase der hausgewerblichen Uhrmacherei fehlt die stilistische
Geschlossenheit früherer Perioden, die Modellfolge wird schneller,
der Übergang zur industriellen Produktion zeichnet sich ab.

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Hölzerne Wanduhr mit Bogenschild.
Im Bogen: Mondscheibe und Datumsanzeiger. Hölzernes
Werkgestell mit holzgespindelten Metallrädern. Zwei
Metallglocken mit Vierviertelschlag.
Schwarzwald. 2. H. 18. Jh. H.: 25 cm.
(Foto: Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen) |
4. Kuckucksuhren, Figurenuhren, Musikuhren
Wohl kaum eine
Schwarzwälder Uhr hat die Phantasie so angeregt wie die
Kuckucksuhr. Der Kukkucksmechanismus ist wahrscheinlich keine
Erfindung Schwarzwälder Uhrmacher, doch ihnen ist es gelungen,
diesen Uhrentyp weltweit bekannt und beliebt zu machen. Die ersten
Schwarzwälder Kuckucksuhren entstanden vermutlich 1740/50,
vielleicht in Schönwald, vielleicht in Neukirch. Eine verläßliche
Nachricht stammt aus dem Jahre 1762. Derzeit schrieb ein
päpstlicher Legat nach einer Reise durch den Schwarzwald: „Die
hölzernen Uhren werden hier in sehr großen Mengen gefertigt ...
und man hat begonnen, sie mit dem Ruf des Kuckucks auszustatten“.
Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Kuckucksmechanismus verbessert.
Der richtige Schwarzwälder Kuckuck öffnet und schließt sein
Türchen, er verbeugt sich bei jedem Stundenschlag und bewegt
gleichzeitig Schnabel und Flügel.
Wie kommt der Kuckucksruf zustande? Über zwei gedeckten Pfeifen
liegen kleine Blasbälge. Ein Rad des Schlagwerks in Verbindung mit
Drähten hebt beide Blasbälge an, füllt sie also mit Luft. Kurz
nacheinander fallen die Blasbälge durch ihr Eigengewicht wieder
zusammen, die Luft entweicht durch die Lippenpfeifen, der
Kuckucksruf ertönt. Weil nun die einfache Tonfolge des Kuckucks so
gut gelungen war, lag der Versuch nahe, auch kompliziertere
Tonfolgen nachzuahmen. Es entstanden Wachteluhren, Hahnen- und
Trompeteruhren, aber alle blieben ohne wesentliche Bedeutung.
Geblieben ist der Kuckucksruf. Die Kuckucksmechanik wurde in fast
alle Arten der Schwarzwälder Uhr eingebaut. Doch die Kuckucksuhr,
wie sie heute jeder kennt, geht auf die Bahnhäusleform zurück.
Diese spezielle Form des Gehäusekastens orientiert sich
gestalterisch an den Bahnwärterhäuschen der badischen Staatsbahn
um 1840. Als Robert Gerwig 1850 die vaterländischen Künstler
aufrief, für die Schwarzwalduhr neue Ideen zu entwickeln,
lieferte der Karlsruher Architekturprofessor Friedrich Eisenlohr
seinen Entwurf der Bahnhäusleuhr.
Unbekannt blieb, welcher findige Schwarzwälder zuerst den Kuckuck
in den Giebel setzte und das etwas nüchtern wirkende Häuschen mit
Schnitzwerk aus Laub und Jagdsymbolen verzierte. Jedenfalls war
damit eine der erfolgreichsten Uhrenformen der Welt geschaffen
worden. Auch wenn heute gelegentlich Holz durch Plastik ersetzt
wird und die Japaner – ohne Erfolg – elektronische Kuckucksuhren
produzierten, die Schwarzwälder Kuckucksuhr behielt über 140
Jahre ihr unverwechselbares Gesicht. Neben den Kuckucksuhren gab
es im Schwarzwald andere Uhrenautomaten, Figurenuhren oder
„Männleuhren“ genannt. Schon Steyrer erwähnt 1796 einen Kapuziner,
der das Betglöcklein läutet. Für die Ideen des Männleuhrenbaues
gab es kaum Grenzen. Die Beschreibung aller bekannten Varianten
würde Seiten füllen. So schlägt bei der Metzgeruhr ein Metzger
beim Stundenschlag einem Ochsen auf den Kopf, beim letzten Schlag
fällt der Kopf nach unten. Bei der Scharfrichteruhr wird
allstündlich ein Delinquent geköpft, bei der Soldatenuhr
marschiert eine Schildwache auf und ab. Die Schwarzwälder
fertigten Schornsteinfeger- und Knödelesseruhren, ließen Artisten
turnen und Bären tanzen, Ziegenböcke mit den Köpfen
zusammenstoßen, Leoparden, Wilddiebe oder Liebespaare die Augen
rollen.
Auch Musikwerke wurden mit beweglichen Figuren gekoppelt,
insbesondere mit Flötenuhren. Vermutlich mit derartigen Uhren
haben sich Schwarzwälder Handelspioniere gelegentlich sogar
Herrscher geneigt gemacht. Ein Uhrmacher überreichte der Kaiserin
Katharina von Rußland eine Spieluhr, bei der die zwölf Apostel die
Stunden schlugen. Ein anderes Spielwerk, nach türkischem
Geschmack gefertigt, verehrte 1779 ein Schwarzwälder dem
„Großsultan“ in Istanbul.
Spieluhren wurden durch besonders qualifizierte Meister oft nur
gegen Vorbestellung geliefert. Musikkundige Mönche der
Schwarzwälder Klöster unterstützten im 18. Jahrhundert die
Uhrmacher. In späteren Jahrzehnten trennte sich der Musikwerkbau
von der Uhrmacherei. Die mechanischen Spielwerke und
Karusselorgeln, besonders die Orchestrien, fanden bei
Weltausstellungen Beachtung. Die Namen von Schwarzwälder Firmen
wie Blessing in Unterkirnach, Welte in Freiburg, Imhof &
Muckle in Vöhrenbach und Bruder in Waldkirch hatten im 19.
Jahrhundert internationalen Ruf.
Aus heutiger Sicht ist die Schwarzwälder Uhrmacherei ein Vorläufer
der späteren Industriealisierung eines ganzen Landesteils, der
ohne Industrie weiter eine Grenzregion menschlicher
Lebensmöglichkeit wäre, dagegen aber über die Uhrmacherei zu
einer frühzeitigen Wirtschaftsentwicklung und zu bedeutendem
Wohlstand in einer kärglichen Landschaft kam.
Aus: Bärbel Schubel Hrsg.:
Unfreiwillige Förderung.
Abt Philipp Jakob Steyrer und die Universitätsbibliothek Freiburg.
Universitätsbibliothek Freiburg. 1995