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Der Markenhof
Die Filmdokumentation über Lehrgut-Gründer Konrad Goldmann kommt voran.

Badische Zeitung vom Dienstag 28.7.2026

Dreisamtal
„Viele verschiedene Puzzleteile ergeben ein Ganzes“
JÜDISCHE GESCHICHTE IN SÜDBADEN Zum dritten Mal hat Aviva Rabinovich das jüdische Lehrgut Markenhof in Kirchzarten besucht – und gute Nachrichten mitgebracht: Die Filmdokumentation über Lehrgut-Gründer Konrad Goldmann kommt voran.

Von Anja Bochtler

KIRCHZARTEN Der Ort für den Anfang und das Ende des Films steht fest: Das Konzentrationslager Drancy bei Paris. Dort starb Konrad Goldmann am 15. Juli 1942 mit 70 Jahren. Zwischen Anfang und Ende werden viele Szenen aus Freiburg und dem ehemaligen jüdischen Lehrgut Markenhof in der Markenhofstraße 8 im Kirchzartener Ortsteil Burg liegen.

!Markenhof heute

Denn in Freiburg hatte der Ingenieur Konrad Goldmann von 1907 bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme
1933 gewohnt. Hier hatte er ab 1913 seine Draht- und Kabelwerke-Fabrik an der Wentzinger Straße 34 und verhalf den Freiburger Haushalten zu Elektrizität. Er war Zionist und investierte sein Geld in das Anwesen in Kirchzarten-Burg, das er 1919 kaufte, um dort junge Menschen mit der Landwirtschaft vertraut zu machen und ihnen so das Rüstzeug als zukünftige Siedler in Palästina zu geben. Mindestens 150 jüdische Männer und Frauen ließen sich dort ausbilden und wanderten danach aus, um Kibbuzim zu gründen. Konrad Goldmann hatte den Markenhof 1925 aufgeben müssen. Er verkaufte ihn damals an das Evangelische Stift in Freiburg. Tragischerweise gelang ihm selbst keine rettende Emigration vor dem Nationalsozialismus: In seinem Exilland Frankreich wurde er ins KZ Drancy deportiert.

All diese Szenen sieht Nathan Lipshitz (76) längst vor sich. Er ist ein renommierter israelischer Regisseur, der unter anderem für den National Geographic gearbeitet und sich auf historische Dokumentationen spezialisiert hat. Wenn er filmt, reiht er nicht Fakten aneinander, sondern erzählt Geschichten, die das Publikum berühren. Auch wenn er bereits weiß, wie er das tragische Leben von Konrad Goldmann vermitteln will, hat er die Tage, in denen er mit Konrad Goldmanns Großnichte und dem Kameramann Israel Keller in Freiburg und Kirchzarten unterwegs ist, um zusätzliche Anekdoten aufzuspüren. „Viele verschiedene Puzzleteile ergeben ein Ganzes“, sagt Nathan Lipshitz auf Englisch – sein geschulter Blick findet die passenden Teilchen. Zum Beispiel, als sich das aus Jerusalem angereiste Filmteam in Konrad Goldmanns früherem Haus an der Mozartstraße 30 in Freiburg umschaute. Dort arbeitet inzwischen eine privatärztliche Praxisgemeinschaft, aus Konrad Goldmanns Wohnzimmer ist ein Wartezimmer geworden. Doch die Wandbemalung sei immer noch dieselbe, erzählt Nathan Lipshitz. Solche Details reichen, um in seinem Kopf und später in seinen Filmen Vergangenes neu zum Leben zu erwecken.

Auch in Kirchzarten hat er Eindrücke hinzugewonnen, die für ihn und den Film alles noch viel stimmiger machen. Ihm war wichtig, zu sehen, welche Menschen dort jetzt leben – und wie sie dort leben. Volkmar Miedtke, dem das ehemalige jüdische Lehrgut heute gehört, hat das Filmteam herumgeführt und das behutsam renovierte Gebäude gezeigt, in dem er den früheren Versammlungs- und Synagogenraum originalgetreu wiederhergestellt hat. Beim Renovieren ist das Holz von Bäumen genutzt worden, die einst von Konrad Goldmann gepflanzt wurden, erzählt Nathan Lipshitz. Das hat ihn und Aviva Rabinovich, die seit 2021 bereits zwei Mal auf dem Markenhof war – damals noch mit einem anderen Regisseur – besonders berührt.

Außerdem war das Filmteam beim gleichnamigen Obstbau- und Keltereibetrieb Markenhof, der von Volkmar Miedtkes Bruder Uwe betrieben wird. Er habe Bilder von Traktoren und Apfelbäumen mitgenommen und ein umfassendes Bild von dem Ort bekommen, sagt Nathan Lipshitz– und nebenbei habe er tolle Menschen kennengelernt. Die Miedtkes fühlen sich für ihn wie neue Freunde an.

Besonders wichtig für den Film ist alles, was Aviva Rabinovich über ihren Großonkel beisteuert. Es ist schwer zu sagen, wer das Filmprojekt mit größerem Einsatz vorantreibt – sie, die Großnichte von Konrad Goldmann, die bisher rund 100.000 Euro ihrer Ersparnisse ins Filmen investiert hat, aber nach wie vor dringend auf Unterstützung von Stiftungen und Spenderinnen und Spendern hofft, oder Nathan Lipshitz, den die Persönlichkeit von Konrad Goldmann fasziniert. Dessen Schicksal ist inzwischen fast vergessen – auch wenn eine nach ihm benannte Straße in der Wiehre sowie Stolpersteine für ihn und seine Frau in Freiburg an ihn erinnern und Jugendliche des Kollegs in Stegen die Geschichte des Markenhofs erforscht haben.

In Israel kennen Konrad Goldmann zumindest die Menschen im Kibbuz Bet Zera, der von Auswanderern vom Markenhof aufgebaut wurde. Auch Aviva Rabinovichs Vater Beno Goldmann hatte dort als Jugendlicher drei Jahre verbracht, bevor er 1923 nach Israel auswanderte. Er war nach dem Tod seiner Mutter bei Konrad Goldmann aufgewachsen, erzählt Aviva Rabinovich. Konrad Goldmann sei wie ein Vater für ihn gewesen und habe ihn zuerst landwirtschaftlich ausbilden und ihn dann auf dem Markenhof unterrichten lassen. Später in Israel lernte ihr Vater ihre Mutter kennen, die 1927 aus ihrer Heimatstadt München emigriert war. 1937 wurde Aviva in Jerusalem geboren. Sie ist Chemikerin und hat unter anderem für Bildungsfernsehformate gearbeitet.

Vor mehr als zehn Jahren begann nach einer Bitte vom Kibbuz Bet Zera um Material zu Konrad Goldmann ihre Recherche über ihren Großonkel. Grundlage war das Fotoalbum ihres Vaters aus seiner Zeit auf dem Markenhof. Ihr Besuch in Freiburg und Umgebung jetzt ist der dritte seit 2021. Immer wieder stieß sie hier und an den anderen Recherche-Orten auf Entdeckungen. In Frankreich fand sie die Enkelin ihres Großonkels, die ihr das Tagebuch eines Mannes präsentierte, der in Auschwitz ermordet wurde und davor mit Konrad Goldmann im KZ Drancy inhaftiert war. Er hatte auf mehr als 500 Seiten, die nach dem Krieg in Frankreich veröffentlicht wurden, die unerträgliche Zeit im KZ Drancy beschrieben. Und er beschrieb auch ihren Großonkel – als „außerordentliche Persönlichkeit“, sagt Aviva Rabinovich. Sie hofft, dass der mit einer Länge von 52 Minuten geplante Film, der in rund einem halben Jahr fertig sein soll, auf viel Interesse stoßen wird – in Deutschland und in Israel.