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Aus der Chronik der römisch-katholischen Pfarrei Eschbach (b. St. Peter)
zum Thema:
 Scheiben-Schlagen
von
Pfarrer Wilhelm Gustenhofer


Seiten 71 und 72 der Chronik

Mißbräuche

Vielmal mahnen, tadeln‚ zanken und nichts fruchten ist zu beklagen bei dem Unfug des Schieben-Schlagens‚ gewöhnlich und herkömmlich an der sog. "Altfastnacht" abends,
näml. Dom. Quadrag. I. Ein uralter Gebrauch, den manche ins Heidentum noch verlegen wollen - Frühlingsanfang - Sonnenwende u. dgl. An und für sich wäre ja gegen diese Art der "Feuerwerkerei" nichts einzuwenden. Und in manchen Orten z.B. droben bei Staufen soll dieselbe auch harmlos vollzogen werden; hier im Eschbach, im Kirchzartner Thal (...) ist dieser alte Gebrauch zum Unfug geworden, insofern die Quintessenz eine Verherrlichung der Unzucht und eine Verhöhnung der Jungfraulichen Rechtschaffenheit ist. Einige Jahre wußte der Schreiber dieses nicht, daß Völlerei und Unsittlichkeit hiebei eine Hauptrolle spielte, als im Jahre 1886 der Lehrer von Eschbach den Pfarrer darauf aufmerksam machte. Das Schiebenschlagen fand 1886 statt auf “Engelwirts Berg“, von dem man in das Kirchzartner Thal einen Ausblick hat. Als das Feuer erloschen, die flammenden Holzscheiben hinabgeschleudert waren, dann gingen die Bursch in die nahen Häuser  und heischten Schnaps und Speck (Die Leute fürchten manchsmal die Rache, wenn kein Schnaps und Speck diesen Halb- und Ganz—Besoffenen verabreicht wird: “roter Hahn auf's Dach!) (Pius Rombach vom Hinterbauernhof u.A.) auch Schulbuben waren dabei. Das war nicht genug, die Buben gingen auch zu den Mädchen, welchen sie Scheiben geschlagen und die "ausgerufen" worden waren (ein 17-jähriges und 11-jähriges Mädchen). Anderntags verklagte die Mutter dieser Mädchen die Buben beim Pfarrer im Pfarrhaus nach der Hl. Messe. Daß die Buben aber in die Schlafkammer drangen, sagte sie nicht; wußte es vielleicht nicht (s.g. Schrieners im Steurenthal). (Kurze Zeit nachher machten Buben von Stegen dasselbe ältere Mädchen total betrunken im "Hirschen" in Stegen und führten es so heim). In früheren Jahren sollen sogar Mädchen auf den Berg zum Feuer gegangen sein„ und dann nahm jeder Bursch die Seinige am Arm und führte sie ins Thal hinab. - (Vor einer Reihe von Jahren soll, als man es auf "Gallihof" im lbenthal auch ausführte‚ der Hof abgebrannt sein in derselben Nacht, wobei 7 Stück Vieh umkamen.) - Das ältere Mädchen, einige Zeit sogar bei den Mutter-Gottesjungfrauen, führt seit Jahren einen
ganz unsittlichen Lebenswandel, hat auch 2 uneheliche Kinder (namens Marie Tritschler).

lm Jahre 1888 war das Schiebenschlagen auf Hummelsberg‚ woselbst der Bürgermeister Johann Gramelsbacher wohnt. Dessen Sohn Joh. (Bürgermeister jetzt und ein ganz braver Mann nunmehr) fing mit der Magd (Stephanie, 19 J. alt) an, diese hatte auch noch andere, gebar unehelich und Johann Gramelsbacher sollte die Alimentationssumme
zahlen, wogegen er mit Erfolg sich weigerte.(
Es war in der That auch ein Anderer der uneheliche Vater, welcher dann zahlte.)

Im Jahr 1889 wurde das Schiebenschlagen statt am I. am IV. Fastensonntag getrieben und zwar an der Grenze des Maierhofes auf Heines-Acker, gerade oberhalb des Pfarrhauses. Pfarrer G. hatte in der Schule und in der Christenlehre abgemahnt, half nichts. Am Sonntag selbst schafften sie die Reishaufen bei. - Nun ging Pfarrer G. vom
Hintereschbach- Weg aus selbst auch dazu, bewaffnete sich mit einem, gewuchtigen Stock und für den Fall der Not, um Schrecken einzujagen, mit einem Revolver, der 6-fach mit Schrotpatronen geladen war. Im Hinterhalt und in der Dunkelheit bis in die Nähe des Feuers gekommen. Einer vom schlimmsten Hof, Pius Rombach, jetzt Bauer mit Kindern (Hinterbauer) warf eben eine flammende Scheibe. Das gewaltige Feuer des Reishaufens mußte die Scheiben flammend machen, welche etwas gerundete stark handbreite Brettstücke waren, welche vom Feuer herausgeholt auf einem in die Höhe steigenden Brette in die Rotation getrieben wurde und mit einem längeren Stecken, welcher in das Loch, der Mitte, der Scheibe gesteckt, der flammenden Scheibe Richtung und Rotation gab. Es waren jüngere und ältere weit über die 20 Jahre hinausgekommen auch fremde Bursche. Da trat der Pfarrer hervor hin zum Feuer. Eben rief Pius den Namen des Mädchens aus, welchem die Scheibe gewidmet war, und fügte bei, als die Scheibe den Berg hinab flog: "Auch keine Jungfrau mehr". Etwa 6 Zuschauer und Beteiligte stieben auseinander mit dem Ruf: "Der Pfarrer“‚ - "Pfarrer!" - Vier Ältere, die militärpflichtig waren, blieben zurück, zwei Eschbacher und zwei Fremde (...). Pfarrer: “So! ihr zählt zu Schönsten der Pfarrei!" - "Pfui". - "Darf man Mädchen, die noch für brav gelten, in ihrer Ehre so herabreißen!" - ? Pius: “Das thut keiner.” - Pfr.: "So! Eben hast du Pius es gethan!" Pfr.: "Ist das Mädchen keine Jungfrau mehr, dann hat sie Hurerei getrieben.“ - “schämt ihr euch nicht, brave Mädchen wie Huren zu behandeln?” -  Johann Salenbacher (v. Heinehof) sagte: "Das ist seit Jahrhunderten der Gebrauch!" -  “Aber seit Menschengedenken ist wohl noch kein Pfarrer dazu gekommen!" Pfarrer erwiederte: "Nun denn, ich bin da, das seht ihr und ich habe nun den sittenverderbenden Unfug gesehen und gehört, diese infame Beschimpfungen." Allgemeines Schweigen. Allein Joh. Salenbacher trieb noch einige "Schieben" gegen die Schmiede hinunter rufend: "Der Naihere (Näherin) Johanna, auch keine Jungfrau mehr!" -

Im andern Jahr erhielt das eine mit "Schieben" beglückte Mädchen zum großen Kummer seiner braven Mutter und andern Verwandten ein uneheliches Kind vom Knecht, Amalie Salenbacher und lebt in unglücklicher Ehe auf dem “Fußenhof" (?) seit sechs Jahren geehelicht nicht mit dem Vater des ersten Kindes. Das andere Mädchen hat dieses Jahr das 2te uneheliche Kind bekommen und zwar von einem Andern und ist keine Aussicht auf Verehelichung (Johanna Huser).

Wie gesagt: An und für sich könnte man der Jugend das Vergnügen eines Freudenfeuers mit flammenden Holzscheiben gestatten und gönnen, wenn nur das sittenverderbende Maul nicht die erlaubte Freude vergiftete.

Einige Jahre unterblieb der Unfug; Quadrag I 1896 verübten ihn: Joseph Tritschler, Schreiner, der wegen Diebstahl bestraft war, dann Gustav Burger, Schustersohn, und Max Gremelspacher, Bauernsohn (Martishof) und zwar auf dem Berg des Engelwirts und auf Antrieb von Bier bezahlenden Stegener Bursch‚ auch ein protestantischer fremde Knecht war dabei. Nachher kam die Bettelei um Schnaps und Speck. Die Wirte besonders auch Adelbert Dold gab Bier im Engel, auf dem Peterhof und bei Tomeles (?) erhielten sie Schnaps. Der Peterbauer gab allein 1 1/2 Liter Schnaps. Gustav Burger war so betrunken, daß er von ca. 2 Uhr an nachts bis 5 Uhr morgens bei 6 Grad Kälte bewußtlos auf der Straße lag (23. Februar). Als Georg Strecker, Sattler, auf die Arbeit ging, fand er ihn erstarrt. Man trug ihn ins Engelwirtshaus‚ legte ihn in ein Bett und brach ihm mit einer Zange den Mund auf. Die Stiefel, naß vom Straßengraben, waren an den Füßen angefroren, im Gesicht war noch die erbrochene Brüh‚ gleichfalls angefroren. Er war bewußtlos bis Mittags 3 Uhr. Seine eigene Mutter, die Hebamme Anna geb. Hug erzählte dem Pfarrer G. die ganze Affäre. Noch im nämlichen Jahr 1896 erhielt ein
Mädchen aus braver Familie, Rosa Geggis, Geschwisterkind mit Gustav Burger, ein uneheliches Kind, also eine Folge von lncest. (Verkündbuch 1897, pag. 54. 56) -  lm Jahr 1897, 1898 und 1899 unterblieb es.

II. Über das Schieben-Schlagen wurde schon ... berichtet. Seit einigen Jahren unterblieb es, weil die ältesten christenlehrpflichtige Bursch weniger geworden waren. Nachgetragen kann werden, was in "Monatsblättern des bad. Schwarzwaldvereins" 1902, S. 46 gesagt ist: 
Am "Hirzesuntig" (Quadrag.I) also an Frühlingsanfang kommt es vor.Es soll aus dem 11ten Jahrhundert datieren. Die Scheiben sind von dürrem Buch- oder Tannenholz ca. 10 cm im Durchmesser die durchbohrt sind. Nachdem sie  im Scheibenfeuer glühend gemacht, mittelst (. .) Haselruten über ein schräg gestelltes Brett in die Höhe geschleudert werden und zwar zur Ehre oder zum Spott bekannter und genannter Personen. Dabei wird noch ein Spruch gerufen: Schibi, Schibi, Schibo! wem soll die Schibe go? u.s.w.