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Die
Auswanderer aus Kirchzarten
aus: In marcha zardunense
Geographie und Geschichte des Zartener Beckens
Hrsg.: Dr. Günther Haselier, Kirchzarten 1966, Seite: 401-412
Bevölkerungsbewegungen hat
es zu allen Zeiten gegeben, auch im deutschen Mittelalter. Im
18. Jahrhundert ging der Hauptstrom der Auswanderer nach
Südosten, aus dem habsburgischen Breisgau in die
Donauländer des Kaiserhauses, wo Maria Theresia das
Land, das der Türkenlouis und Prinz Eugen von den Türken
befreit hatten, mit "Donauschwaben" besiedelte. Von unsern
Kirchzartener Mitbürger, die in diesen Donauzügen der Enge
ihrer Heimat entrinnen wollten, geben uns nur Zufallsnotizen
in den Akten namentliche Kunde. So etwa die
Verhandlungen68 mit dem Pfarrer, als Georg
Schweizer aus Neuhäuser um
1760 „in das Ungarnland hat ziehen wollen“. Er war nämlich wegen
„unehlichen Beischlafs, der nicht in Abrede gestellt werden
konnte“, zu einer Strafe, einem „Bannschatz“ von 5
fl., verurteilt worden. „Da es mit der
angeschuldeten Begangenschaft seine Richtigkeit noch (!) nicht
hatte“, wollte er zunächst nicht zahlen, sondern
warten, bis sich die Folgen bestimmt einstellten. Da
aber der Pfarrer die Trauung nicht vollziehen wollte, bis der
Bannschatz erlegt war, zahlte Schweizer schließlich, denn die
Reisegefährten drängten auf Abfahrt. Durch diese
letzte Feststellung erfahren wir, daß es sich nicht um eine
Einzelfahrt, sondern um ein offenbar sorgfältig organisiertes
Unternehmen handelte. Gewiß hat Kirchzarten noch mehr Siedler für die
Donauländer gestellt aus den Reihen seiner jungen Leute, die
zu Hause keinen Landwirtschaftsbetrieb übernehmen
konnten.
Manchmal
förderte die Regierung sogar solche Auswanderungen, etwa indem
sie einem Grundbesitzer das Abzugsgeld nachläßt wie 1782 dem
Rotgerber Eichhorn, der nach Ungarn ziehen will69.
Dagegen erhebt das Freiburger Fiskalamt durch den Talvogt Dr.
Schwarz 1786 als landesfürstlichen Abzug (5%) 46 fl. 39 Kr., als
Katharina Wehrlin in Ungarn von ihrem Großvater Michael Wehrle
in St. Märgen 933 fl. erbt. Katharina war zu Paks an der Donau70
geboren, wohin ihr Vater Georg Wehrle ausgewandert war.
Die Notzeiten während und nach den Napoleonischen Kriegen lösten
bei uns einen neuen Strom der Auswanderung aus, besonders das
Hungerjahr 1816. In diesen Jahrzehnten um die Jahrhundertwende
lassen sich besonders viele Auswanderungen nach Frankreich,
vor allem in das benachbarte Elsaß feststellen. Hier handelt es
sich um Einzelunternehmen, nicht um organisierte Züge wie jene
an die Donau. Der Staat nahm sich nur insofern darum an, als er
z. B. 1804 durch einen Vertrag Abzugsfreiheit mit Frankreich
vereinbarte, so daß also das Abzugsgeld in Wegfall kam”!.
Anregungen zu diesen Auswanderungen mögen manchmal aus den Tagen
stammen, in denen deutsche Soldaten in Frankreich standen oder
Franzosen im Dreisamtal einquartiert waren. Mit dem Elsaß waren
die Beziehungen schon immer vielfältig, vor allem wandernde
Handwerksburschen suchten dort gern eine Existenz, und viele
Handelsunternehmen hatten dort ihre Niederlassungen72.
So meldet der Steinhauer Jakob Zähringer 176473,
daß er schon „seit Jahren in Colmar wohnhaft, verheiratet und
mit 3 Kindern versehen“ sei. Da er ohne Genehmigung seiner
Landesregierung Kirchzarten verlassen hat, möchte er jetzt seine
Papiere in Ordnung bringen. Vermögen spiele dabei keine Rolle,
er habe von seinem in dürftigen Verhältnissen lebenden Vater
höchstens einmal ein Erbe von 30 bis 40 fl. zu erwarten, die
allerdings verloren seien, wenn er als Ausreißer gelte. Es wäre
für die Regierung nicht schwer, Zähringer freizugeben, denn
„seine Tauglichkeit, Soldat zu werden, zerfällt von selbst: Er
ist 38 Jahre alt, verheiratet, mißt kümmerlich 5 Schuh 1 Zoll
(1,53 m), ist folglich von unansehnlicher Leibsgröße.“ Aus
diesen Gründen kann die Stadt Freiburg als nähere Obrigkeit „das
Gesuch um Emigration recommendieren“. Die vorderösterreichische
Regierung dagegen erklärt diese Concession für überflüssig, da
er ja schon lange weg sei. Allerdings könne er dann sein kleines
Erbe nicht antreten. Sie wolle daher, fährt der Bescheid mit
echt österreichischer Gutmütigkeit fort, annehmen, daß Zähringer
„sich in Unwissenheit über das Emigrationsverbot außer Landes
begeben habe.“ Sie sieht somit von einer Konfiskation ab und
läßt dem Steinhauer in Colmar die paar Gulden zukommen.
Auch Josef Hug von Dietenbach ist Maurer und Steinhauer,
ein „stiller, friedsamer, ehrlicher, treuer und redlicher“ Mann
von 34 Jahren, wie ihn Vogt Josef Meier schildert bei der
Befürwortung seines Gesuchs um Genehmigung der Auswanderung nach
Dahlenheim unweit Straßburg. Dort wolle er „heurathen und nach
seiner Profession sein Glück machen“. Da in Dietenbach nicht die
Stadt Freiburg Polizeihoheit ausübt, sondern der Baron v. Neveu,
bestätigt dessen Amtmann, daß Hug nicht mehr milizpflichtig ist.
Als letztes beglaubigt der Maire von Dahlenheim 1812 das Urteil
des Maurermeisters Johannes Herr, bei dem Hug in Arbeit steht,
daß dieser „sich ehrlich und rechtschaffen aufgeführt hat.“ Er
wird französischer Bürger, sobald die deutschen Papiere
eingetroffen sind74.
Weniger solid sind die Verhältnisse des Josef Bank, der
sich seit 1807 als Gerber in Frankreich herumtreibt75.
1816 meldet er sich von Paris aus über die Gesandtschaft, damit
man ihm sein mütterliches Erbe von 324 fl. übersende, er wolle
heiraten und sich jetzt in Paris niederlassen. Vor dem Amt
erklärt Vater Mathias Bank, daß Josef von seinem mütterlichen
„Voraus“ (d. i. vorschußweise zugeteilt) von 550 fl. und den 100
fl. von seinem Paten Georg Müller „während seines auswärtigen
Aufenthalts“ allmählich so viel erhalten habe, daß nur noch etwa
300 fl. übrig seien. „Das mütterliche Voraus habe aber
eigentlich bey ihm, dem Vater, nach altem Thalherkommen und
Vertrag unverzinslich bis zur Standesveränderung des Sohnes
stehenbleiben sollen. Sollte diese einmal geschehen und sein
Sohn nach geschehener bürgerlicher Annahme an einem fremden Orte
sich verehelichen“, würde er den Sohn sogar noch aus eigenen
Mitteln weiter unterstützen. Einstweilen aber ist zu befürchten,
daß „auch dies noch durchgebracht“ werde; der 28jährige könnte
sich sehr wohl von seiner Profession ernähren. Landamt und
Kreisdirektorium stellen sich hinter diese erzieherische
Maßnahme, die zugleich einen etwa mittellosen Heimkehrer mit
Familie fernhalten will. Die Gesandtschaft möge Josef Bank
eröffnen, daß er die 324 fl. erhalte, sobald er „über seine
eventuelle Aufnahme in Paris und dort erhaltende Erlaubnis zur
Heirath sich auszuweisen vermöge“. Wie nötig diese Vorsicht war,
beweisen die nächsten Blätter dieser Akten: Sie stammen erst
wieder von 1825, und zwar in einem seitenlangen, interessanten
Bettelbrief, daß Josef Bank „nun wirklich auf dem Punkt stehe,
sich zu verheirathen und häußlich niederzulassen“. Nachdem auch
die Pariser Stellen mit Amtsstempeln bestätigen, daß Josef Bank
schon mehrere Jahre dort wohne und sich einwandfrei verhalten
habe, sind die amtlichen Stellen in Freiburg bereit, trotz
Bedenken des Kirchzartener Vogts Schweizer die Aushändigung des
Geldes zu genehmigen.
Im Gegensatz zu diesem Fall empfindet man aus den Worten des
Bürgermeisters Steinhart76 geradezu, wie ungern er Johannes
Dengler, diesen stillen Müllergesellen, aus der Gemeinde
scheiden sieht. Von frühester Jugend an hat sich dieser durch
seinen eingezogenen Lebenswandel und sein ausnahmsweises
Wohlverhalten ausgezeichnet. Vermögenslos war dieser Sohn der
ledigen Agnes Dengler in die Fremde gezogen; was er im Elsaß
erarbeitet habe, kann man dort feststellen. Zwei Tischlermeister
in Mülhausen werden in dem amtlichen Zeugnis als Bürgen genannt.
Seiner Entlassung aus dem badischen Staatsbürgerverhältnis und
der Genehmigung zur Heirat steht auch der Militärdienst nicht
entgegen: 1820 hat Dengler der Konskription Genüge geleistet,
war aber als untauglich befunden worden.
Raimunda Meders Antrag auf Entlassung aus dem badischen
Staatsverband77 soll einen letzten Weg zeigen, der
Kirchzartener nach Frankreich führte: der Eintritt in ein
Kloster. Bekanntlich waren nahezu alle Klöster im Großherzogtum
Baden aufgehoben. So war diese Tochter aus Kirchzarten zu den
Schwestern vom heiligen Herzen Mariä in Nancy gegangen.
Volljährig geworden, stellt sie durch Vermittlung des Freiherrn
Heinrich v. Andlau den Antrag auf Entlassung und auf Erlaubnis
zum „Vermögenswegzug“. Dieses war nämlich nach Gesetz78
beschlagnahmt, da sie ohne Erlaubnis ausgewandert war. Nach
öffentlicher Aufforderung „auf dem hiesigen Kirchplatz“,
Forderungen an die Rubrikantin anzumelden, kam niemand. So
erteilte das Landamt am 12. 4. 1860 der Schwester Raimunda die
„Erlaubnis zum Vermögensabzug“, d. h. zur freien Verfügung über
ihr elterliches Erbe von 1628 fl.
Nach Amerika richtet sich im 19. Jahrhundert der weitaus
größte Bevölkerungsstrom aus den europäischen Ländern79.
1783 hatten sich jene Kolonien in der Neuen Welt von England
losgemacht; als „Vereinigte Staaten“ boten sie strebsamen jungen
Menschen ebenso wie verwegenen Abenteurern aus dem übervölkerten
Europa verlockende Möglichkeiten. Unendlich wichtig war dieses
Ventil für den rasch steigenden Überdruck der Bevölkerung, dem
noch keine Industrie gegenüberstand, um den Menschen Brot zu
gewähren. Die Hungerjahre nach dem Wiener Kongreß von 1815 sowie
zu Beginn der 1850er Jahre bildeten eine weitere wirtschaftliche
Ursache für diese Wanderwellen im 19. Jahrhundert. Es ist nun
reizvoll, an einem örtlichen Beispiel wie Kirchzarten den
Motiven nachzugehen, die bei einzelnen Menschen den persönlichen
Entschluß zum Auswandern auslösten.
Das kann wie bei dem letzten Beispiel das Kloster sein. In
„Maria Stein“ im Staat Ohio wird Barbara Zähringer
Ordensschwester. Ohne Erlaubnis des Staates ist sie
ausgewandert. Es braucht deshalb die üblichen Formalitäten wie
Aufruf in den Zeitungen an etwaige Gläubiger, Sporteln und
Spesen und 3 % des Vermögens als Strafgeld, bis endlich 1860 die
restlichen 111 fl. freigegeben werden zur Verfügung der
Schwester Barbara, — die großmütig den ganzen Betrag ihrem
Bruder in Kirchzarten schenkt80.
Da sind junge Menschen, die in der Neuen Welt ein besseres
Fortkommen erhoffen als im engen Europa. „Wir sind noch jung und
stark und hoffen, durch Fleiß und Arbeitsamkeit in jenem
Erdtheil unser Geld besser zu machen als hier; wir stellen daher
die Bitte, uns zur baldigen Ausreise behilflich zu sein." So
sprechen die Kinder Zähringer vor dem Landamt.81
Zusammen mit zwei kleineren Geschwistern und ihrer Mutter wollen
sie 1828 auswandern, nach dem Tod von Vater Christian, der als
Beständer auf verschiedenen Mühlen, auch in Neuhäuser, nicht
recht vorwärts kommen konnte. Das Vermögen von 1439 fl. reicht
zur Überfahrt. Zu aller Vorsicht möchte sich die Familie den
Rückhalt, d. h. das Heimatrecht in Kirchzarten sichern. Die
Ämter wären damit einverstanden, die Gemeinde erkennt es aber
nur noch für die Zeit der Überfahrt an.
Eine finanzielle Sicherung der Reise wie im vorliegenden Fall
war dringend nötig. 1831 war z. B. die Lage der wenig
Bemittelten so schlimm, daß der Staat eingreifen und jegliches
Ausreisen ohne die nötigen Vorsichtsmaßnahmen verbieten mußte. Eine
große Anzahl derjenigen, welche . .. ihren Weg über Frankreich
nahmen, (waren) durch den Mangel an abgehenden Schiffen
und durch die gestiegenen Preise der Überfahrt in völlige
Armuth geraten, so daß sie in Rouen und Havre auf den Straßen
lagern und vom Almosen leben. Die französische Regierung
brachte diese Unglücklichen an die Grenze zurück, verlangte aber
für die Zukunft, daß ein Erwachsener mindestens 400 fl. Vermögen
bei sich habe82. Weitere Gesetze schützten vor
Ausbeutung durch gewerbsmäßige Unternehmer, welche oft
betrügerische Versprechungen machten83, sei es für
die Bedingungen der Reise, sei es für die Möglichkeiten in
Amerika.
Am besten gesichert war die Auswanderung, wenn schon Angehörige
in den Vereinigten Staaten ihre Hilfe anboten. So war 1854
zunächst Bernhard Bank mit seinem ersparten Geld nach
Amerika gegangen, ohne staatliche Erlaubnis und ohne seinem
Militärdienst Genüge geleistet zu haben. Er faßte drüben so
rasch Fuß, daß er schon 1856 seine Verwandten nachkommen lassen
konnte und ihnen sogar das Reisegeld schickte: dem 40jährigen
Bruder Philipp, der 10 Jahre jüngeren Schwester Franziska
sowie dem 26 Jahre alten Vetter Heinrich Schlupf. Die
beiden Männer sind Müller und wollen auch drüben in diesem Beruf
weiterarbeiten84. Da die Behörde wegen der Versorgung
eines unehelichen Kindes mit der Genehmigung zögerte, meint der
Vater vor dem Amt: „Bei meiner Vermögenslosigkeit kann es
einerlei sein, ob ich hier bleibe oder auswandere, während ich
jedenfalls mein Kind unterstützen werde, sobald ich in Amerika
so viel verdient habe, um etwas abgeben zu können.“
Als Handwerksbursche ist auch Bonifaz Steinhart 1867
nach Amerika ausgewandert. In Sandusky (Ohio) arbeitet sich der
23jährige Schneider hoch, schon 1869 kann er sich selbständig
machen. Da er hierfür seine 800 fl. Vermögen, die noch in
Kirchzarten stehen, „an sich ziehen will“, sucht er nachträglich
um Ausreisegenehmigung nach85. Ebenso beweist der
ledige Schreiner Eduard Schlupf, daß nicht nur
wirtschaftlich Gefährdete auswanderten. Schlupf nimmt als
Reisegeld 300 fl. mit nach Amerika, für 600 fl. Rest bestellt er
einen Bevollmächtigten, als er im Herbst 1871 abreist (31 Jahre
alt)86. Franz Sales Schlupf, der 2 Jahre
später als lediger Müller und Bäcker sein Glück in der Neuen
Welt versuchen will, muß mit einem Reisegeld von 115 fl.
auskommen (33 Jahre alt)87.
Therese Zähringer will 1855 zu ihrer Schwester
reisen; mit ihren 192 fl. wird sie es schaffen. Vater Michael
jedoch muß zurückbleiben; das Geld, das ihm Sohn Franz
zuschießen will, reicht nicht, und die 110 fl. der Tochter
Barbara in Amerika, die unter amtlicher Pflegschaft stehen, darf
er nicht angreifen88.
Klar liegt der Fall bei dem ledigen Schneidergesellen Fridolin
Meder, der zu Bekannten nach Philadelphia gehen kann. Sein
Leumund ist gut, die Gemeinde Dietenbach befürwortet
sein Gesuch, aus der badischen Staatsangehörigkeit und dem
Ortsbürgerrecht entlassen zu werden. Schulden hat Fridolin Meder
keine, für etwaige nachträgliche Forderungen erbietet sich sein
Bruder Joseph in Geroldstal als Bürge. Der Antragsteller ist
1823 geboren, hat seiner Konskriptionspflicht ordnungsgemäß
genügt, ist jedoch durch das Los frei geworden. Und da er
schließlich 175 fl. Bargeld besitzt, trägt das Landamt keine
Bedenken mehr, die Entlassungspapiere auszustellen (1875)89.
Geordnet sind auch die Verhältnisse des 35jährigen ledigen Johann
Busset, den Bürgermeister Meyer als gut und rechtschaffen
bezeichnet und der ein selbsterworbenes Vermögen von 221 fl.
besitzt. Da bei Bekanntgabe durch den Ortsdiener und nach dem
üblichen Aufgebot in einigen Zeitungen keine Forderungen gegen
ihn erhoben werden, erhält Busset noch im Frühjahr 1854 die
Ausreisegenehmigung90.
Weniger durchsichtig ist die heimliche Abreise der Johanna
Dengler am 19.3.1848, die sogar ohne Wissen der Eltern
geschieht. Erst 1861 sucht Johanna nachträglich um die Erlaubnis
nach, als sie bei der Teilung des elterlichen Vermögens miterben
möchte91.
In anderer Weise gesichert war die Zukunft des
jungen Lang aus Geroldstal: er ist laut Zeugnis
in eine Uhrenhandelsgesellschaft aufgenommen92. Josef
Lang hatte in Neukirch auf dem Schwarzwald bei Uhrmacher Michael
Kleiser gelernt und will nun zusammen mit Lorenz, dem Sohn
seines Meisters, 1831 nach Amerika. Der Vorschrift entsprechend,
wird Josef sowohl beim Pfarramt wie auf dem Landamt „auf das
Gefährliche und Ungewisse einer Auswanderung sowohl anzüglich
der anzutretenden Reise als des zukünftigen Fortkommens“
hingewiesen. Als die Behörden wegen der Militärpflicht Bedenken
haben, weist der Vater darauf hin, daß im Amt Triberg solche
Uhrenhändler ohne Kaution93 Handelspässe nach Amerika
erhielten. Im übrigen habe Josef gar nicht im Sinn, wieder in
sein Vaterland zurückzukehren. Da auch Vogt Schirk bestätigt,
der Junge reise mit einer „Kompanie“94 nach Amerika,
„um dort seinen Gewinn als Uhrenmacher zu suchen“, erhält er am
28.5.1831 durch einen Erlaß des Innenministeriums endlich die
Erlaubnis zur Ausreise in die „Neue Welt“, wo er für seinen
Neukircher Meister den Absatz der Schwarzwälder Uhren besorgen
wird.
Schulden und wirtschaftliche Notlage sind häufig die Ursache
dafür, daß jemand nach Amerika geht. Oft geschieht dies heimlich
wie bei dem verzweifelten Mathias Ernst95,
dem ehemaligen Hirschenwirt, der so in Schulden geraten war, daß
er 1856 allen Besitz verkaufen mußte, selbst die Fahrnisse
wurden versteigert. „So sah er sich in die unangenehme Lage
versetzt, in Zukunft sich und seine Familie mit Taglöhnern
ernähren zu müssen, wozu er sich schämte, da er früher der
größte Bauer hiesiger Gegend war.“ Und so ist Mathias Ernst „mit
noch mehreren aus dem Ort am 14. Juni 1856 abgereist“. Von Havre
aus teilte er mit, daß er nach Amerika fahre. Die Frau scheint
mit den 6 Kindern zurückgeblieben zu sein. In Alton (Illinois)
hat Ernst mit Erfolg gearbeitet. Offenbar besserten sich die
Verhältnisse auch zu Hause, denn 1861 können die Behörden wieder
Vermögen des Ernst mit Beschlag belegen und ihm den Prozeß
machen wegen unerlaubter Ausreise. Selbstverständlich konnte er
in der kurzen Frist sich nicht stellen. So wurde am 24. Juli
1861 die Strafe von 3% des Vermögens sowie Verlust von Staats-
und Ortsbürgerrecht ausgesprochen. Doch schon am 14. August
erscheint der Auswanderer vor dem Landamt und erklärt, „ich bin
gestern abend von New-Orleans zurückgekehrt und habe in meiner
Heimat erfahren, daß ich... meines (Bürgerrechts) für verlustig
erklärt wurde“. Da er von der Vorladung keine Kenntnis hatte,
bittet er um Aufhebung des Urteils. Er sei, berichtet er später,
nach dem Verlust seines Vermögens „1856 nach Amerika gegangen,
um dort den Versuch zu machen, sich neuerdings eigenes Vermögen
zu erwerben“. Die amerikanische Staatsbürgerschaft hat er nie
beantragt. Da auch der Gemeinderat von Kirchzarten die
Wiedereinsetzung des Ernst in seine Rechte empfiehlt, setzt das
Landamt am 29.8.1861 den, vermutlich mit einer Summe
erarbeiteten Geldes, heimgekehrten Mathias Ernst wieder in seine
Bürgerrechte ein.
Hatte in diesem Fall Amerika von seinen vielen Möglichkeiten
einem ins Unglück geratenen tüchtigen Mann zum Wiederaufstieg
verholfen, diente es dem Sohn des so verdienten Lehrers Reber
nach einem „leichtsinnigen Lebenswandel“ zum Untertauchen96.
Im Fall des Schlossermeisters Jakob Hummel, der zusammen
mit dem Bauer Andreas Gremmelsbacher 1854 nach Amerika gehen
wollte, scheint es vielleicht gar nicht zur Auswanderung
gekommen zu sein. Die Akten97 enthalten lediglich
eine Reihe von Forderungen verschiedener Gläubiger an die
beiden. So wurde vermutlich die Genehmigung gar nicht erteilt.
Denn diese eingehenden Gesetze über die Auswanderung, die nicht
nur genaue Personalien und Vermögensverhältnisse, sondern auch
ein Aufgebot in mehreren Zeitungen verlangten, bezweckten neben
anderem, Leute zurückzuhalten, die sich ihren Gläubigern oder
auch dem Militärdienst entziehen wollten. Andrerseits förderte
der Staat die Auswanderung unter dem Druck der rasch wachsenden
Bevölkerung. Die vielen Gesetze98 beweisen zur
Genüge, wie wichtig die ganze Auswanderer-Frage für den Staat
und jede einzelne Gemeinde im 19. Jahrhundert war.
Daß sich gerade für die Gemeinden hier eine willkommene
Möglichkeit bot, unliebsame Elemente abzuschieben, kann
Kirchzarten mit drastischen Beispielen belegen. Ein Asozialer
namens Johann Waldkircher, „der kleine Müllerle“
genannt, „vagiert“ seit 1797 mit seiner Frau und einer
wachsenden Kinderschar zum Schrecken der Bevölkerung bettelnd im
Kirchzartener Tal herum. Schließlich soll er einer Gemeinde zum
festen Wohnsitz zugewiesen werden. Schlempenfeld wehrt sich
verzweifelt, Kirchzarten selbst sucht ihn 1813 nach der
Pflichtzeit von 2 Jahren wieder aus dem Schloß hinauszubekommen,
überall ist die Familie, besonders die Frau, gleich
unverträglich. Mit dem Korbmachen kann Waldkircher seine 7
Kinder nicht ernähren, deshalb bittet er, mit Geschirr im
Kreisgebiet handeln zu dürfen. Der Genehmigung wird die
Bedingung beigefügt, daß er die Familie dabei nicht mitnehmen
darf; am liebsten nämlich würden sie alle miteinander wieder auf
Bettelfahrt ziehen. Doch scheint der Mann einen gewissen
Arbeitswillen zu zeigen, er sucht, auch durch Sägenfeilen und
Herstellung von Öltüchern Geld zu verdienen.
Wie eine Erlösung wirkt in der Gemeinde die Möglichkeit, daß
diese Familie nach Amerika reisen will. Gern gibt Kirchzarten 80
fl. Reisegeld, um sich loszukaufen. Nach der Abreise geht 1816
ein Aufatmen durch die Bürgerschaft.
Wie groß mag die Enttäuschung im folgenden Jahr gewesen sein: Im
Juli 1817, mitten in der Hungerzeit, kam die Familie Waldkircher
wohlbehalten wieder nach Kirchzarten zurück — „sie hat den Zweck
der Reise wie andere nicht erreicht, ärmer noch als zuvor ist
sie wieder hier.“ Das Landamt muß diesem Bericht an die
Kreisdirektion viele Schreiben nach Kirchzarten folgen lassen
und mit allem Nachdruck befehlen, daß irgendwie für diese
Menschen gesorgt wird. Nachdem also auch die guten 80 fl., mit
denen man sich loskaufen wollte, umsonst geopfert waren,
schienen die Bürger erst recht nicht gewillt, die
unverträglichen Menschen bei sich aufzunehmen. Es kam sogar zu
dem Vorschlag, eine besondere Hütte für sie irgendwo zu bauen,
denn auch der Pfarrer machte der Gemeinde klar, daß man diese
Menschen immerhin gegen Wetter und Winterkälte irgendwie
schützen müsse98a.
Einfacher ging es, 1860 den ledigen 28jährigen Xaver Ruh
abzuschieben99. Der kleine (1,68 m), untersetzte Mann
mit dem runden Kinn und dem braunen Bart saß gerade für 1 1/2
Jahre im Zuchthaus zu Bruchsal wegen seines „dritten gemeinen
Diebstahls“. Da ihm anschließend die „polizeiliche
Verwahrungsanstalt“ droht, ist er doppelt gern bereit,
auszuwandern. Die Gemeinde Kirchzarten zahlt lieber das halbe
Fahrgeld mit 60 fl., als daß sie sich der Gefahr eines vierten
„gemeinen Diebstahls“ aussetzt. Der Justizminister schenkt Ruh
den Strafrest, das Innenministerium kommt für den andern Teil
der Reisekosten auf, und schon am 15. März 1861 wird der
Polizeibeamte in Bremen seinen Sträfling los. 1872 wurde auch
die wegen Diebstahls in der Strafanstalt Bruchsal
einsitzende Nothburga Kaiser... zur Auswanderung begnadigt99a.
So diente also das Auswandern im 19. Jahrhundert nicht nur zur
soziologischen Erleichterung der Heimat, sondern auch zur
kriminellen Entlastung. Das Auswandern ist eine der
bedeutendsten Bewegungen im 19. Jahrhundert, die alle Gemeinden
betrifft. Es stellt die Antwort dar von Millionen freier Einzelmenschen auf die
Herausforderung, welche die neue Wirtschaft und die damit
verbundene soziale Frage an das deutsche Volk richtet99b.
Auswanderer aus Kirchzarten100
Bank, Josef
|
Paris |
1816 |
Bank, Philipp
|
Amerika |
1856 |
Bank, Franziska
|
Amerika |
1856 |
Bank, Bernhard
|
Amerika |
1854 |
Birkenmaier, Hermann
|
Amerika |
1867 |
Birkenmeyer, Johann
|
Amerika |
1817 |
Birkenmeyer, Nepomuk
|
Amerika |
1817 |
Bolz, Karl Friedrich
|
Amerika |
1895 |
Busset, Johann
|
Amerika |
1854 |
Dengler, Johann
|
Frankreich (Mülhausen) |
1834 |
Dengler, Johanna
|
Amerika |
1848 |
Dengler, Peter
|
Frankreich |
1811 |
Eichhorn
|
Ungarn |
1782 |
Ernst, Mathias
|
Amerika |
1856 |
Frey, Andreas
|
Amerika |
1817 |
Frey, Anna
|
Amerika |
1817 |
Fuhs, Paul, Dietenbach
|
Amerika |
1872 |
Gremmelsbacher, Andreas
|
Amerika |
1854 |
Gremmelsbacher, Kreszentia geb.
Rombach |
Amerika |
1854 |
Gremmelsbacher, Maria, 4 Kinder
|
Schweiz |
1918 |
Hummel, Jakob
|
Amerika |
1854 |
Hummel, Maria geb. Frey
|
Amerika |
1854 |
Hummel, Therese (28 J.)
|
Amerika |
1854 |
Hummel, Theodora (20 J.)
|
Amerika |
1854 |
Hummel, Johann (17 J.)
|
Amerika |
1854 |
Hummel, Leopold (15 J.)
|
Amerika |
1854 |
Hummel, Maximilian (13 J.)
|
Amerika |
1854 |
Hummel, Fridolin (11 J.)
|
Amerika |
1854 |
Hug, Josef aus Dietenbach |
Dahlenheim bei Straßburg |
1812 |
Kaiser, Notburga |
Amerika |
1872 |
Lang, Josef aus Geroldstal |
Amerika |
1831 |
Laule, Albert |
Amerika |
1893 |
Laule, Therese |
Amerika |
1893 |
Meder, Fridolin |
Amerika |
1857 |
Meder, Raimunda |
Frankreich |
1860 |
Merber, Nepomuk |
Amerika |
1817 |
Reber, Josef |
Amerika |
1862 |
Ruh, Xaver |
Amerika |
1861 |
Schlupf, Heinrich |
Amerika |
1856 |
Schlupf, Eduard |
Amerika |
1871 |
Schlupf, Franz Sales |
Frankreich |
1873 |
Schreiner, Michael |
Frankreich |
1811 |
Schweizer, Georg, Neuhäuser |
Ungarn |
1760 |
Schweizer, Maria |
Nizza |
1868 |
Schweitzer, Johann |
Amerika |
1817 |
Sickenberger, Ernst (Apotheker) |
Amerika |
1877 |
Spiegelhalder, Emil |
Schweiz, Basel |
1905 |
Steinhart, Bonifaz |
Amerika |
1867 |
Steinhart, Georg |
Amerika |
1817 |
Zähringer, Barbara |
Amerika, Ohio
|
vor 1859 |
Zähringer, Christian |
Amerika |
1817 |
Zähringer, Jakob |
Colmar |
1764 |
Zähringer, Therese |
Amerika |
1855 |
68 GLA 229/53
172.
69 GLA 229/53 110.
70 Paks zwischen
Budapest und Fünfkirchen. Dort also hatte der
Schwarzwälder eine neue Heimat gefunden, während sein
Bruder Johannes Wehrle den elterlichen Hof übernahm. GLA
229/53 111.
71 Reg. Blatt 1808 S. 275.
72 Viele Handelsunternehmen
hatten eigene Niederlassungen im Elsaß, so z. B. die
„Elsaßträger“, eine der bekannten Lenzkircher
Handelsgesellschaften. Vgl. M. WEBER:
Bevölkerungsgeschichte S. 17—21.
73 GLA 229/53 232.
74 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 236.
75 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 690.
76
Beurteilung des Antragstellers am 3. 6. 1834.
GLA 355/Zug. 1906/34 Heft 693.
77 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 697.
78 Vermögenskonfiskation
(findet statt), ...c) wenn ein
Unterthan ohne vorher eingeholte
Erlaubnis das Land verlassen und sich
im Ausland niedergelassen hat.
Reg. Blatt 1820 S. 87
79 Allein zwischen 1840 und 1870 betrug
die Auswanderung aus Deutschland 2 377
000 Menschen nach den überseeischen
Ländern.
80 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 701.
81
GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 679: Maria Anna (27 J.),
Jakob (26), Regina (24); daneben Christian
(16), Elisabeth (7).
82 Reg. Blatt 1831 S. 157 und S. 161.
83 Reg. Blatt 1847 S. 127 und 1853 S. 35—41.
84 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 699.
85 GLA 355 Zug. 1912/10 Heft 584.
86 GLA 355 Zug. 1932/10 Heft 582.
87 GLA 355 Zug. 1912/10 Heft 583.
88 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 700.
89 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft
237.
90 GLA 355 Zug. 1906/34
Heft 691.
91 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 693.
92 Geb. 12. 1. 1812. — GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 696.
93
1856 verlangte ein Gesetz für Militärpflichtige eine Kaution
von 600 fl.; damit sollte ein Einsteher bezahlt werden, wenn
das Los den Abwesenden zum Dienst bestimmte. 1859 wurde der
Betrag auf 1200 fl. erhöht. Reg. Blatt 1856 S. 421 und 1859 S.
207.
94 d. i. Handelsgesellschaft. Vgl. TRITSCHELLER: Lenzkircher
Handelsgesellschaften.
95 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 694.
96
GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 698.
97 GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 695.
98 Zuerst 1820 Reg. Blatt S. 86. — 1830 S. 110. — 1832 S. 259,
261, 348. — 1850 S. 264. — 1855 S. 250, 1853 S. 35, 41
98a GLA 355 Zug. 1906/34 Heft 675.
99 GLA 355
Zug. 1906/34 Heft 698a.
99a GLA 355/Zug. 1932/10 Heft 581.
99b
Vgl. z.B. SIEBERT: Freiburger Auswanderungen. Ztschr. Freib.
Gesch. 46 (1935) S. 107.
100 Die Jahreszahlen geben nach Möglichkeit das Datum der
Abreise oder das früheste bekannte Datum des Aufenthaltes im
Ausland (oft anläßlich einer nachträglich beantragten
Genehmigung). Hauptquellen: GLA 434/1—46; 355 Zug.
1898/21/98—104; Zug. 1906/34/690—701; Zug. 1932/10/393—398,
581—586. Für die Beschaffung der Unterlagen zu diesen
statistischen Angaben bin ich Herrn Th. Köllisch in Karlsruhe
zu besonderem Dank verpflichtet.